WIRD CORONA UNSERE STÄDTE VERÄNDERN?

Alles schon mal da gewesen. Allerdings lange vor unserer Zeit. Im vergangenen Jahrhundert blieben Städte in der westlichen Hemisphäre glücklicherweise von Seuchen und Pandemien verschont. Kein Wunder also, dass kaum jemand mehr in unseren Breitengraden diese Gefahr wirklich ernst genommen hat.

Im berühmten Epos von Gilgamesch, einer der ältesten Dichtungen der Menschheit, wurden Seuchen erstmals erwähnt. Sehr viel später, im Jahr 430 v. Chr., starben in Athen schätzungsweise 100.000 Menschen, ein Drittel der Bevölkerung, an der sogenannten Attischen Seuche. Im Mittelalter wiede­rum dezimierte die später als Schwarzer Tod benannte Pest Euro­pa, und 1918 tötete die Spanische Grippe weltweit 50 Millionen Menschen. Die positive Nachricht dabei: Alle Städte von damals erholten sich von diesen schweren Schicksalsschlägen wieder. Einige davon, so zum Beispiel New York, London oder Paris, kamen sogar größer und bevölkerungsreicher zurück als jemals zuvor.

Oft wird behauptet, dass Krankheiten die von Menschen geschaffenen Infrastrukturen und Umgebungen maßgeblich verändern können. Die berühmte Skyline von Paris etwa und die darunter liegenden Abwasserkanäle wurden zwischen 1853 und 1870 erstellt – tatsächlich als Antwort auf die damals verheerenden Cholera-Ausbrüche in der Stadt. Das nicht weniger bekannte Victoria Embankment in London, ein beeindruckender Uferdamm an der Themse, wurde nach mehreren aufeinander folgenden Krankheitswellen, denen bis zu 10.000 Menschen zum Opfer fielen, im 19. Jahrhundert als Teil eines neuen Sanitärsystems errichtet. Auch die Idee öffentlicher Stadtparks haben wir letztlich den Bemühungen um die Förderung der Gesundheit der gesamten Stadtbevölkerung zu verdanken. In den schon damals überfüllten Industriestädten sollten die Menschen hier in der Natur zur Ruhe kommen und sich weitab von Menschenansammlungen sowie möglichen Ansteckungen erholen können.

Seit unsere Städte durch den Covid-19-Lockdown zeitweise zu Geisterstädten mutierten, drängt sich nun die Frage auf, ob sich auch unsere Städte durch diese neue Pandemie nachhaltig verändern werden. Insbesondere in Architektur- und Designpublikationen wird seitdem darüber spekuliert, wie Gebäude und Städte zur Abwehr zukünftiger Pandemien umgestaltet werden könnten.

„Einige Architekten sind immer schnell bei der Hand und stellen sofort Fragen grundsätzlicher Natur. Beinahe schon reflex­artig“, zweifelt Tobias Nöfer, Vorstandsvorsitzender des Berliner Architekten- und Ingenieurverbandes (AIV) an der Dringlichkeit solcher Überlegungen.

„Architektur und Stadtplanung sind nicht dazu da, alle paar Monate infrage gestellt zu werden. Beide Themen entwickeln sich gemeinsam mit der menschlichen Natur und typischen menschlichen Verhaltensweisen. Diese aber verändern sich erfahrungsgemäß im Evolutionstempo, also extrem langsam.“

Nöfer selbst kann nicht erkennen, dass Krankheiten großen Einfluss auf die Stadtentwicklung im Allgemeinen haben. „Solche Ereignisse sind ein Faktor von vielen“, erläutert er, „aber es gab schon immer wesentlich bedeutendere Einflüsse auf die Stadtentwicklung wie etwa gewalttätige Konflikte.“ Beispiele dafür gibt es viele: So waren Anlässe zum Bau großer städtischer Plätze wie etwa in Berlin fast immer militärischer Natur (zum Beispiel Leipziger Platz, Mehringplatz oder Pariser Platz). Gleiches gilt für die Pariser Stadtplanung, die seinerzeit von Georges-Eugène Hauss- mann geleitet wurde. Die großräumigen Plätze in Paris wurden damals auf Wunsch der Armee angelegt. Man wollte dadurch bewaffnete Aufstände präventiv in Schach halten und in die gewünschten Bahnen lenken.

„Natürlich war Gesundheitsvorsorge in Städten immer ein Thema“, räumt Nöfer ein. „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflussten die Planungen von James Hobrecht die Stadtentwicklung von Berlin maßgeblich. Ziel war es, einem womöglich allzu schnellen, ungeplanten Wachstum der Stadt entgegenzusteuern. So entstand in Berlin einstmals das feingliedrige Netz von Straßen, Plätzen und Parks, das wir seitdem kennen und schätzen gelernt haben.“ Ärgerlich nur: Die daraus resultierende Verdichtung der Stadt verursachte zunehmend gesundheitliche Probleme bei ihren Einwohnern. Fehlendes Sonnenlicht sorgte für allzu dunkle Innenhöfe und in der Folge für zum Teil epidemieartige Fälle von Rachitis, einer Knochenerkrankung. Nöfer geht sogar so weit zu behaupten, dass diese „Hinterhofproblematik“ des 19. Jahrhunderts unsere Stadtentwicklung weit mehr beeinflusste als die Folgen der Spanischen Grippe. Weil eine Bewegung in Gang kam, die Licht, Luft und Sonne erstmals als wichtige Bestimmungsgrößen für die Gestaltung einer modernen Stadt definierte.

„DIE FRAGE IST: SOLL DIE KRISE VON HEUTE ZUM STANDARD VON MORGEN WERDEN?"

Anne-Catherine Dubois of a2rc

Gebäude neu erdenken

„Die entscheidende Frage ist, ob wir die Auswirkungen der Pandemiekrise von heute als Ausgangspunkt für eine neue Stadtentwicklung werten oder nicht. Ich denke, es ist noch zu früh, sich eine abschließende Meinung darüber zu bilden, ob Covid-19 derart langfristige Auswirkungen haben wird“, meint Anne- Catherine Dubois von a2rc, einem angesehenen Stadtarchitektenbüro mit Sitz in Brüssel. Und weiter: „Sollte diese Pandemie so schnell verschwinden, wie sie gekommen ist, wird sie keine einschneidenden Auswirkungen hinterlassen.“

Dubois arbeitet derzeit für PATRIZIA an der Sanierung des legendären Louise Tower in Brüssel und wünscht sich, dass automatisierte berührungslose Technologien in der Architektur zukünftig stärker berücksichtigt werden. Technologien wie automatische Türen, Smartphone-gesteuerter Raumeintritt, Freisprech-Lichtschalter und Temperaturregler könnten bei der Planung aktueller Projekte einfließen, um die Ausbreitung der Ansteckung zu begrenzen.

„Diese Diskussionen haben eine größere Bedeutung als vor der Pandemie“, weiß die Architektin. „Auch effizientere Filter bei Klimaanlagen sowie moderne Frischluftsysteme sind inzwischen in den Fokus geraten. Alle anderen Themen zu diesen Fragen wie Einhaltung von Abständen im Büro, zukünftige Einteilung der Büroflächen usw. sind noch in der Diskussion. Es ist aber wahrscheinlich, dass sich auch hier neue Standards herausbilden werden.“

Veränderungen durch die Pandemie hinsichtlich der Stadtentwicklung werden sich voraussichtlich auf unterschiedlichen Ebenen zeigen. Man kann davon ausgehen, dass bereits begonnene Langfristtrends wie die bargeldlose Gesellschaft durch Corona beschleunigt werden. Auch der Trend zu breiter angelegten Fußgängerzonen sollte sich verstärken, damit Social Distancing besser umgesetzt werden kann. Bleibende Einschränkungen bei Einkaufszentren und Shoppingmeilen sind ebenfalls zu erwarten. Profitieren davon sollte vor allem Onlinegigant Amazon, der bereits jetzt steigende Umsätze zu verzeichnen hat.

Auch im gesamten Arbeitsbereich stehen nachhaltige Veränderungen an. Schon jetzt sind die Auswirkungen von Covid-19 auf die Wirtschaft immens. Einige Arbeitnehmer werden vermutlich häufiger oder sogar dauerhaft von zu Hause aus arbeiten. Der Trend zum Homeoffice war bereits vor der Pandemie erkennbar und wird sich wohl ebenfalls beschleunigen.

„Die Art und Weise, wie wir arbeiten, wird sich definitiv ändern“, meint Axel Praus, Gründer und CEO von Workingwell, einer in München ansässigen Beratungsfirma, die moderne Arbeitsplatzkonzepte entwickelt. „Größere Unternehmen sind seit Jahren offen für Homeoffice-Angebote an ihre Mitarbeiter. Beim Rückgrat der deutschen Wirtschaft jedoch, dem klassischen Mittelstand, bleibt bislang hingegen Präsenzpflicht weiterhin oberstes Gebot. Hier scheint nach wie vor ein gewisses Misstrauen gegenüber der eigenen Belegschaft vorzuherrschen. Während des Lockdowns haben jedoch einige erkannt, dass Arbeiten von zu Hause tatsächlich funktionieren kann und die Produktivität der Mitarbeiter nicht wie befürchtet nachlässt.“

Kate Lister, Vorstand des US-amerikanischen Beratungsunternehmens Global Workplace Analytics, geht davon aus, dass 30 % der US-amerikanischen Arbeitnehmer einige Jahre lang mehrere Tage in der Woche von zu Hause aus arbeiten werden. Zum Vergleich: Vor der Pandemie waren es nur 4 %.

Bereits 2015 hatte die Europäische Stiftung Eurofound ermittelt, dass etwa ein Fünftel der europäischen Arbeitnehmer gelegentlich oder regelmäßig im Homeoffice arbeitet. Die Stiftungsvertreter sind der Meinung, dass „die vollständigen Auswirkungen von Covid-19 noch abzuwarten sind. Es ist jedoch abzusehen, dass sich die Homeoffice-Zahlen in Europa und infolgedessen die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dauerhaft verändern werden.“

„GROSSSTÄDTE MIT IHRER BEEINDRUCKENDEN VIELFALT AN ATTRAKTIONEN UND IHREM ABWECHSLUNGSREICHTUM HABEN VON IHRER ANZIEHUNGSKRAFT NICHTS VERLOREN.“

Tobias Nöfer

Lesen Sie hier das ganze Interview mit dem Architekten Tobias Nöfer zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Architektur und Office Design.

Zurück ins Büro

Mitarbeiter, die eines Tages in ihre angestammten Büros zurückkehren, werden wohl ein deutlich verändertes Arbeitsplatzumfeld vorfinden. Schließlich macht Covid-19 keinen Unterschied zwischen Menschenansammlungen in privater Umgebung oder in Büros. Es scheint so, als sei damit das Ende aller Großraumbüros eingeläutet. Bereits in den 1980er-Jahren wurden solche Bürolandschaften populär. Ziel war es seinerzeit, den Teamwork-Gedanken zu fördern, die Transparenz für jeden einzelnen Angestellten zu erhöhen und damit gleichzeitig die „Mitarbeiterproduktivität pro Quadratmeter Bürofläche“ zu erhöhen.

Consulting-Unternehmen wie Cushman & Wakefield bieten inzwischen gänzlich neue Arbeitsplatzkonzepte an. Zum Beispiel sogenannte 6 Feet Offices, die beides zugleich gewährleisten sollen: die Rückkehr der Mitarbeiter an ihren ursprünglichen Büroarbeitsplatz bei gleichzeitigem Einhalten aller Social Distancing Regeln. Sollten sich diese Konzepte durchsetzen und die 2-Meter-Abstandsregel zum Standard werden, ist freilich deutlich mehr Bürofläche pro Unternehmen vonnöten.

„Die klassischen Großraumbüros sind ein Auslaufmodell. Zum einen stört viele der dort herrschende Lärmpegel, zum anderen unterstreichen zahlreiche psychologische Untersuchungen, dass solche Großraumbüros nicht die perfekte Arbeitsumgebung sein können“, weiß Workingwell-CEO Praus. „Es wird in der Bürowelt weiterhin großflächige offene Räume geben. Aber das gute alte Büro ist nach wie vor besser geeignet zur Interaktion, für Teamworking, für die Kreativität und den Wissenstransfer. Solche Aktivitäten benötigen zwar einen angemessenen Raum, aber die eigentliche direkte Arbeitsumgebung jedes Einzelnen kann durchaus kleiner konzipiert werden. Wie solche Bürokonzepte zukünftig aussehen werden, weiß derzeit jedoch noch keiner.“

Enge als Ursache?

Andrew Cuomo, Gouverneur von New York City, twitterte im März 2020: „In NYC gibt es eine Enge, die ich als schädlich bezeichnen würde.“ Er forderte die Stadtverwaltung auf, „einen sofortigen Plan zur Schaffung von Freiräumen“ zu entwickeln.

Zu diesem Zeitpunkt wurden in der beengtesten Stadt der USA 193.000 Menschen positiv auf Covid-19 getestet und beinahe 16.000 Todesfälle beklagt. Es schien offensichtlich, dass das beengte Leben im Big Apple New York besonders anfällig für Atemwegserkrankungen macht.

Aber eine solche Schlussfolgerung könnte voreilig sein. Städte mit größerer Dichte wie zum Beispiel Seoul und Shanghai waren beim Kampf gegen das Coronavirus weitaus erfolgreicher als die US-Metropole an der Ostküste. Im Gegensatz zu New York meldete New Orleans mit einer Bevölkerungsdichte von lediglich 2.311 Einwohnern pro Meile (New York 28.211) 12.428 positive Getestete pro 100.000 Einwohner, während auf New York 2.483 entfielen (Stand: 4. Juni 2020). Aktuelle Studien aus Chicago und China zeigen ebenfalls keine Korrelation zwischen Bevölkerungsdichte und Covid-19-Infektionsrate.

Solche Diskussion müssen geführt werden, weil die Ergebnisse wichtige Erkenntnisse für das zukünftige Zusammenleben bringen könnten. Sollten die Verantwortlichen zu dem Schluss kommen, dass Bevölkerungsdichte ein gesundheitliches Problem für Menschen darstellen könnte, wird zukünftig eher die Bautätigkeit in der Peripherie von Städten gefördert werden, anstatt entsprechende Maßnahmen in den Innenstädten weiter voranzutreiben.

„Ich hoffe, dass Covid-19 nicht dazu führt, städtische Siedlungen infrage zu stellen. Städte sind schließlich unsere Zukunft“, mahnt Nöfer vom AIV. „Die Maßnahmen zur Bewahrung unserer Landschaftsflächen und biologischen Vielfalt müssen angesichts der drohenden Klimakatastrophe unbedingt fortgeführt werden. Es wäre kon­traproduktiv, wenn wir jetzt eine neue Phase der Zersiedelung einleiten würden. Die Menschen sollten deshalb lieber ihrer sozialen Natur folgen und eine neue Kultur der Nähe und des Zusammenlebens entwickeln.“

Selbst wenn eine neue „Stadtflucht“ Wirklichkeit würde, wäre dies geschichtlich gesehen keine einmalige Entwicklung. Bereits im frühen 20. Jahrhundert, als Pandemien weit verbreitet waren, sank die Bevölkerung Manhattans von 2,3 Millionen in 1910 auf 1,48 Millionen im Jahr 1970. Einen ähnlichen Bevölkerungsschwund gab es auch in London und Paris. Seitdem jedoch sind die Bevölkerungszahlen in allen drei Metropolen wieder deutlich gestiegen.

Sollte Covid-19 tatsächlich ähnliche Entwicklungen anstoßen, wird sich auch dieses Mal dieser Trend wieder umkehren. Sobald eine kritische Masse von Menschen Städten den Rücken kehrt, folgen in der Regel zahlreiche jüngere Menschen, die auf der Suche nach Karrierechancen und sozialen Kontakten deren Platz einnehmen. Nöfer zieht deshalb das Fazit: „Großstädte mit ihrer beeindruckend großen Vielfalt an Attraktionen und Abwechslungen haben von ihrer Anziehungskraft nichts verloren. Mittendrin im Geschehen zu sein, bleibt ein wichtiger Motor für das zukünftige Wachstum von Städten.“