WAS MACHT EINE STADT

LEBENS­WERT?

Der Trend zur Urbanisierung reißt nicht ab. Stadtplaner und Entwickler auf der ganzen Welt machen sich deshalb mehr denn je Gedanken zur idealen Stadt des 21. Jahrhunderts. Aber nicht alle Regionen werden von dieser Entwicklung profitieren.

Die Experten des Weltwirtschaftsforums bewerten die Lebensqualität einer Stadt anhand von sechs Kriterien: Bezahlbarkeit, Anzahl und Qualität der Einrichtungen, Konnektivität, Kultur, Sicherheit und Nachhaltigkeit.

All diese Faktoren beinhalten typische Merkmale des städtischen Lebens wie öffentliches Nahverkehrsnetz, Beschäftigungs- und Bildungsangebote, Anzahl von Grünflächen und Freizeitaktivitäten sowie Gesundheitsversorgung. Eine Stadt, die bei all diesen Kriterien überzeugen kann, sollte zumindest in der Theorie das Wohlbefinden jedes einzelnen Stadtbewohners erhöhen und das Entstehen von Netzwerken sowie die Herausbildung einer lebendigen City-Community begünstigen.

Leider sind zahlreiche Versuche, solche perfekten kommunalen Lebensräume zu entwickeln, in der Vergangenheit gescheitert. Anstatt lebendiger Orte entstanden oft seelenlose Stadtlandschaften. Man kann davon ausgehen, dass die Modelle einiger Planer schlichtweg von falschen Annahmen ausgingen.

Martha Thorne, Dekanin der privaten IE Universität für Architektur und Design in Madrid, ist davon überzeugt, dass sich einige Planer vor Projektstart stärker an einem bekannten innovativen deutschen Industriedesigner hätten orientieren sollen. Ihrer Meinung nach hatte er bereits vor Jahren das Ei des Kolumbus in Sachen Städteplanung gefunden: Dieter Rams, der zwischen 1955 und 1995 Chefdesigner beim Elektrogerätehersteller Braun war und dessen zehn Thesen für gutes Design weltweit Beachtung fanden.

Bei einer Wissenschaftsveranstaltung der gemeinnützigen TED-Organisation im Jahr 2018 bekräftigte Thorne, dass die Kriterien von Rams hervorragend dazu geeignet seien, die attraktivsten Ballungsräume von heute zu identifizieren und die lebenswertesten Städte von morgen zu entwickeln.

Am Anfang steht Innovation

Städte müssen innovativ sein, um nachhaltig zu funktionieren. Innovation geht dabei stets Hand in Hand mit Technologie, macht das städtische Leben entspannter und erhöht das Wohlbefinden sämtlicher Einwohner.

Innovation bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem eine Stadtplanung, bei der Umweltgesichtspunkte ganz obenan stehen. Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf der Bewahrung bestehender Grünanlagen, der Errichtung neuer Parks und ganz generell der Aufforstung städtischer Vegetation. Umweltschädliche Einflüsse sollen dabei so weit wie möglich begrenzt werden, damit sich Menschen auch draußen gerne aufhalten und bei Outdooraktivitäten tatsächlich an der frischen Luft sind.

Auch die Sinne sollen lebenswerte Städte ansprechen, denn wer sich in seiner Umgebung wohlfühlt, hilft proaktiv mit, diese eigene kleine Welt zu bewahren. Wie wir aus der Vergangenheit wissen, kommt es ebenfalls darauf an, Gebäude, Orte und Plätze, die den Charakter einer Stadt widerspiegeln, zu pflegen und belebt zu halten.

Aber nicht nur regelmäßig renovierte Immobilien erhöhen den Wohlfühlfaktor einer Stadt. Auch kleine Details wie pittoresk angelegte Bürgersteige, attraktive Fassaden bei öffentlichen Gebäuden oder ein nachhaltiger Denkmalschutz steigern die Zukunftsfähigkeit.

Enge Wohnblöcke und trostlose Betontürme. Das klingt nicht nach „lebenswert“, trotzdem wohnen 24 Millionen Menschen in Shanghai. Sie werden durch das moderne und dynamische Wesen der Stadt angezogen.

„ … UM EINE STADT LEBENSWERT ZU GESTALTEN, BEDARF ES VOR ALLEM DER ENTSCHLOSSENHEIT, DEN ERSTEN SCHRITT ZU TUN.“

Augenmerk auf Kontinuität

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist laut Rams Kontinuität. Thorne ist davon überzeugt, dass eine Stadt mit entsprechender Erinnerungskultur selbstbewusster in die Zukunft blickt. Kontinuität bedeutet demnach auch, das Erbe einer Stadt und all ihre historischen Wahrzeichen zu erhalten.

Rams eher allgemein gehaltene Thesen für gutes Design sind durchaus auf das gesamte Stadtdesign anwendbar. Ein gutes Design trägt laut Thorne dazu bei, Städte „verständlicher“ zu machen. Einwohner sollten gerne und vor allem entspannt durch ihr Viertel spazieren können und eine echte Beziehung zu den einzelnen Plätzen und Gebäuden ihrer Stadt aufbauen.

Städte sollten darüber hinaus ihre eigene Authentizität bewahren. Kommunen, die wie Potemkinsche Dörfer in erster Linie darauf setzen, Touristen zu gefallen oder nur ganz bestimmte Unternehmen oder gesellschaftliche Schichten anzuziehen, verlieren früher oder später ihre Vielfalt und damit ihre Attraktivität. Denn authentische Städte sind ein Place to be für alle.

Städterankings

Auch wenn Thorne und andere sehr brauchbare Blaupausen für die Bewertung von Städten liefern, bleibt die Beurteilung einzelner Regionen in der Regel eine subjektive Angelegenheit. Die Vielzahl unterschiedlicher Städterankings, die alljährlich veröffentlicht werden und die die „attraktivsten Städte der Welt“ ausloben, unterstreichen dies.

Laut dem Liveable City-Index der Economist Intelligence Unit ist derzeit zum Beispiel Wien auf Platz eins der lebenswertesten Städte weltweit und löste damit Melbourne, das in den vergangenen sechs Jahren diesen Rang innehatte, ab. Für die Experten des Magazins Monocle, der Deutschen Bank und der Unternehmensberatung Mercer jedoch steht Zürich aktuell ganz oben, während ECA International Kopenhagen und Bern auf dem ersten Rang sieht.

Aber nicht nur auf den ersten Plätzen gibt es teilweise eklatante Unterschiede. Die Deutsche Bank etwa hält Boston für die Stadt mit der weltweit achtbesten Lebensqualität, wohingegen die Researcher von Monocle Massachusetts Hauptstadt noch nicht einmal unter den Top 25 sehen.

Alljährlich wechseln sich ganz oben bei den meisten Rankings die üblichen Verdächtigen ab: skandinavische, mitteleuropäische und australasiatische Städte wie Wellington und Melbourne. Vor allem Skandinavien gilt als Heimat zahlreicher besonders lebenswerter Kommunen. Folgerichtig wurde hier kürzlich ein internationaler Masterstudiengang für „nordische Stadtplanung“ ins Leben gerufen. Dieser neue Studiengang wird gemeinsam von der dänischen Roskilde-Universität, der schwedischen Malmö-Universität und der Arktischen Universität von Norwegen in Tromsø angeboten.

David Pinder, Professor für Stadtforschung an der Roskilde University, führt die Wertschätzung für skandinavische Städte vor allem auf den Bottom-up-Ansatz der örtlichen Behörden zurück. Schon seit längerer Zeit werden alle Stadtbewohner über Befragungen eingebunden und sind aufgerufen, sich an den Planungen für ihre „ideale Stadt“ zu beteiligen. Es überrascht deshalb nicht, dass genau diese Städte besonderen Wert legen zum Beispiel auf die Errichtung großzügiger Parkanlagen, den Aufbau engmaschiger Verkehrsnetze und einer Orientierung ihrer Planungen an den Bedürfnissen von Kindern und Senioren.

Melbourne wurde von 2011 bis 2017 von der Economist Intelligence Unit als die lebenswerteste Stadt der Welt eingestuft. Bei einer prognostizierten Bevölkerungszahl von 7,7 Millionen im Jahr 2051 (aktuelle Bevölkerungszahl 4,3 Millionen) erlebt die Stadt jedoch einen dramatischen Zuwachs, der zu überlasteten öffentlichen Verkehrsmitteln, verstopften Straßen und hohen Grundstückspreisen führen könnte, was die bisherige Lebensqualität der Stadt bedroht.

Wenn die Lebensqualität einer Stadt sinkt

Einen anderen Weg als der skandinavische Stadtplaner ging man in der Vergangenheit teilweise in den USA. Hier stand die Entwicklung idyllischer „Sunshine Cities“ im Vordergrund, um letztlich einem imaginären „Kunden- bzw. Besucherwunsch“ zu entsprechen.

Nach Auffassung von Robert McNulty, Gründer und Präsident von Partners for Livable Communities, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für die Verbesserung der Lebensqualität von Personen mit niedrigem und mittlerem Einkommen in den USA einsetzt, leiden US-amerikanische Städte nicht zuletzt wegen dieser fragwürdigen Strategie darunter, dass das Netz der sozialen Sicherheit in seinem Land brüchiger geworden ist. Eine der Folgen ist ein starker Anstieg der Wohnungsnot in den Vereinigten Staaten.

„Früher waren US-Städte wie San Francisco, Los Angeles oder Seattle in Sachen Lebensqualität das Maß aller Dinge. Inzwischen existieren gerade hier massive soziale Probleme. Viele finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr. Immer mehr Menschen leben auf der Straße“, prangert McNulty an.

Dieser Zusammenbruch des sozialen Systems unterstreicht die Bedeutung von zwei Faktoren, die für McNulty lebenswerte Städte ausmachen: Gerechtigkeit und Resilienz. Partners for Livable Communities arbeitet eng mit anderen Institutionen zusammen, um die Chancengleichheit zu erhöhen und ausgegrenzten Menschen neue Perspektiven in Sachen Jobs und Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

ben haben, sind meist mittelgroße Städte wie Chattanooga in Tennessee, Boise in Idaho und das texanische Austin. Sie alle sind Vorboten einer neuen Zeit“, ist sich McNulty sicher. „Menschen ziehen vermehrt in Städte, wo innerhalb der Bürgerschaft ein gemeinsames Commitment darüber besteht, den Wohlstand durch öffentlich-private Partnerschaften auf regionaler Basis zu fördern und das Zusammenleben vor Ort zu intensivieren.“

Für McNulty zeigt sich die Resilienz einer Stadt an mehreren Stellen. Zum Beispiel beim entschlossenen Angehen von Problemen wie schlechter Verkehrswege, knappem Wohnraum und fehlender sozialer Mobilität. Dazu McNulty: „Der Begriff Resilienz muss neu ausgestaltet werden und darf nicht nur auf das Thema Nachhaltigkeit bei Umweltfragen gesehen werden. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, ob eine Stadtgemeinschaft für sich selbst als Ziel definiert, eine lebenswerte Gemeinschaft für alle sein zu wollen.“

Vorbild Chattanooga

Für McNulty ist Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee ein Paradebeispiel dafür, wie eine Stadt sich positiv entwickeln kann, wenn sie Themen wie soziale Gerechtigkeit und Resilienz ganz obenan stellt: „Früher galt sie als eine der heruntergekommensten und wirtschaftlich schwächsten Gemeinden in den Staaten. Heute zieht die Stadt immer mehr junge, talentierte Menschen an. Chattanooga hatte zuvor kräftig in seine Verkehrssysteme, die wirtschaftliche Entwicklung, das Schulsystem und die allgemeine Lebensqualität investiert.“

Selbst aus dem benachbarten Atlanta zogen Menschen zu, weil sich die positiven Entwicklungen in Chattanooga herum­gesprochen hatten. In der Folge verlegten sogar einige Global Player der Wirtschaft ihre Standorte hierher. Beispiel VW: In Chattanooga entstand im vergangenen Jahr die erste Volkswagenfabrik zur Produktion von Elektrofahrzeugen für den nordamerikanischen Markt. Tech-Start-ups siedelten sich ebenfalls in großer Zahl an, nachdem die Stadtverwaltung 2010 grünes Licht für den Aufbau eines kommunalen Gigabit-Netzwerks gegeben hatte. Seitdem liegen die Internetgeschwindigkeiten im Ort 200-mal höher als im nationalen Durchschnitt.

Chattanoogas Entwicklung scheint wegweisend zu sein. Und zeigt beispielhaft, worauf es sehr wahrscheinlich hauptsächlich ankommt: die Entschlossenheit, die eigene Stadt überhaupt zu einer der lebenswertesten machen zu wollen …

MAREK HANDZEL ist Journalist und Herausgeber des erfolgreichen Immobilien Fachmagazins Institutional Real Estate Europe. Seine Laufbahn führte ihn in zahlreiche europäische Städte, unter anderem nach London und Warschau. Lebenswerte Städte zeichnen sich seiner Meinung nach durch eine Vielzahl von Grünflächen sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen, gute öffentliche Verkehrsverbindungen und eine lebendige Kunstszene aus – und besuchenswerte Biergärten. Handzel selbst und seine junge Familie leben inzwischen im ländlichen Raum, aber gemeinsam sind sie regelmäßig auf Citytour.