WARUM WIR GERNE IN STÄDTEN LEBEN

Der englische Begriff „City“ stammt ursprünglich vom altfranzösischen Cité, das wiederum vom lateinischen Civitas abgeleitet wurde. Und Civis bedeutet nichts anderes als „Bürger“.

Eine Stadt lebt natürlich von ihren Bürgern. Der US-ameri­kanische Ökonom Edward Glaeser verfasste 2011 zum Thema Städte und ihre Bürger einen sehr lesenswerten Bestseller mit dem Titel „Triumph of the City – Wie uns unsere wichtigste Innovation wohlhabender, intelligenter, grüner, gesünder und glücklicher machte“. Er schrieb darin unter anderem: „Städte sind keine Gebäude- ansammlungen, sondern bedeuten Leben.“

Städte ziehen immer mehr Menschen auf der ganzen Welt an. Bereits 2018 lebten 55 % der Weltbevölkerung in städtischen Regionen. Nach Schät­zungen des UN-Department of Economic and Social Affairs steigt diese Zahl bis 2050 auf 68 %. Dann werden 2,5 Milliarden Menschen in Städten leben. Hauptmotivator dabei: die beiden Megatrends Urba­nisierung sowie weltweites Bevölkerungswachstum. Rund 90 % dieses Wachstums werden sich dabei in Asien und Afrika abspielen.

Der Trend zur Urbanisierung ist relativ neu. Noch 1950 lebten weniger als 30 % der Weltbevölkerung in städtischen Regionen. Erst seit 2010 wohnen und arbeiten nach UN-Angaben über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten und ihren Einzugsgebieten.

Kein Wunder also, dass Städte immer größer werden. Im Jahr 2018 lebten in 548 Städten weltweit mindestens eine Million Einwohner. Diese Zahl wird laut UN-Angaben bis 2030 auf 706 steigen. Zur Jahrtausendwende waren es noch 371. Die Zahl der Megastädte mit einer Bevölkerung von 10 Millionen Menschen oder mehr wird dann weltweit von 33 im Jahr 2018 auf 43 im Jahr 2030 steigen. Was sind die Ursachen für diesen erstaunlichen Urbanisierungs­trend?

Die ersten Städte entstanden bereits 4500 v. Chr. Als erste Stadtgründung der Welt gilt Uruk (heute: Warka, Irak) im sagenumwobenen alten Mesopota­mien. Sowohl in Bezug auf die Anzahl der Städte als auch das Bevölkerungswachstum vollzog sich die Entwicklung der Stadt im Laufe der Menschheitsgeschichte eher gemächlich. Die weltweit erste Kommune, die über 1 Million Einwohner aufwies, war Rom – und blieb nach Recherchen des Weltwirtschaftsforums 550 Jahre lang (von 100 v. Chr. bis 450 n. Chr.) die einzig wirkliche Metropole der damaligen Welt. 250 Jahre lang hielt sich die Einwohnerzahl Roms über 1 Million.

„Städte zeichnen sich durch eine positive Wechselbeziehung aus. Unternehmen werden von dem Heer an potenziellen Arbeitskräften angezogen und Arbeitnehmer von der Fülle potenzieller Arbeitgeber. Die „kurzen Wege“ innerhalb einer Stadt erleichtern Arbeitnehmern zudem einen Jobwechsel.”

Edward Glaeser

Es dauerte bis 700 n. Chr., bis auch die chinesische Stadt Chang’an die Millionengrenze überschritt. Und erst 1850 wurde Peking die erste Stadt der Welt, die diese Einwohnerzahl nochmals deutlich überragte.

Das städtische Bevölkerungswachstum begann sich erst im Laufe der industriellen Revolution zu beschleunigen. London löste zwischen 1850 und 1900 Peking als größte Stadt der Welt ab und steigerte seine Einwohnerzahl von 2,3 Millionen auf 6,6 Millionen Menschen. In den 1930er-Jahren entstand dann die erste Megametropole der modernen Welt und ließ London hinter sich: New York City. Richard Holt, Head of Global Cities Research beim bekann­ten britischen Wirtschaftsforschungsinstitut Oxford Economics, sagt dazu: „Beschäftigungschancen sind seit jeher Haupttreiber der Urbanisierung. Zuweilen ändern sich die Ausprägungen, aber diese Wechselbeziehung gilt seit Menschengedenken – ob im alten Rom, Venedig, in den Städten des 19. Jahrhunderts oder in der heutigen Zeit.”

Während der industriellen Revolution strömten Menschen vom Land in die Städte, weil dort gut bezahlte Arbeitsplätze lockten. Überwiegend im verarbeitenden Gewerbe. „Ein Job in der Stadt brachte etwa den dreifachen Lohn“, weiß Holt. Dieselbe Anziehungskraft treibt auch heute die Urbanisierung vor allem in Entwicklungsländern an. Aktuelle Beispiele sind Mexiko City, Mumbai oder Nairobi.

Dass Städte Menschen aufgrund ihrer Beschäftigungschancen in Massen anziehen, bestätigt auch Autor Glaeser in seinem Buch „Triumph of the City“: „Städte zeichnen sich durch eine positive Wechselbeziehung aus. Unternehmen werden von dem Heer an potenziellen Arbeitskräften angezogen. Arbeitnehmer wiederum von der großen Anzahl möglicher Arbeitgeber. Die ,kurzen Wege‘ innerhalb einer Stadt erleichtern Mitarbeitern zudem einen Jobwechsel. Gerade im Start-up-Bereich erhöhen Arbeitnehmer in der Regel ihre Karrierechancen, indem sie häufiger ihren Arbeitsplatz wechseln.“

„Auf der anderen Seite bieten Städte meistens eine lebenslange Be­schäftigung“, erläutert Holt und ergänzt: „Es geht den meisten nicht nur um den aktuellen Arbeitsplatz, sondern um die gesamten Karriereaussich­ten bis hin zur Rente.“

Und in der Tat: Auf kurze Sicht egalisieren hohe Le­benshaltungskosten häufig die höheren Löhne in einer Stadt. „Auf lange Sicht aber steigen die Löhne in der Regel durch einen Arbeitsplatzwechsel deutlich stärker als die Lebenshaltungskosten“, so Holt. Hinzu kommt: Bessere Karriereperspektiven und höhere Löhne verleihen einem das Gefühl eines sozialen Aufstiegs. Holt: „Einen Job in einer Großstadt angeboten zu bekommen, gilt vielen bereits als persönlicher Erfolg.“

„Du hast es geschafft, wenn Du zu einem Arbeitgeber in der Großstadt wechselst."

Richard Holt

Natürlich haben Städte noch andere Reize zu bieten außer einer lohnenden Beschäftigung. Das Consultingunternehmen Mercer stellte dazu bereits in einem Report von 2018 („People first: Driving growth in emer­ging megacities“) fest: „Arbeitgeber missinterpretieren häufig, warum Städte Menschen anziehen. Denn rein persönliche und soziale Faktoren sind ihnen in der Regel tatsächlich wichtiger als Geld und ein attraktiver Job.“ Dazu gehören letztlich alle Faktoren, die ein Leben lebenswerter machen – von der Nähe zu Familie und Freunden über Kultur- und Musikangebote bis hin zu einem vielfältigen gastronomischen Angebot.

„In den letzten 30 Jahren haben Metropolen wie London, San Francisco und Paris vor allem deshalb geboomt, weil sie jede Menge Abwechslung, Unterhaltung und Lebensfreude bieten“, erklärt Glaeser in seinem Buch.

„Städte machen es uns einfacher, Freunde mit gemeinsamen Interessen zu fin­den – und aufgrund der zahlreicheren Single-Haushalte ist sogar der Heiratsmarkt in einer Stadt attraktiver als auf dem Land. Angesagte Städte ziehen heute vor allem junge Leute mit Gründergen an. Einfach, weil hier mehr los ist.“

Zu den größten Vorzügen des Stadtlebens aber gehört ohne Frage die Vielzahl an Kontaktchancen – beruflich oder privat. Und je mehr Menschen sich für ein Leben in der Stadt entscheiden, umso größer werden die Möglichkeiten für jeden Einzelnen.

EVELYN LEE kennt als gebürtige New Yorkerin das Großstadtleben in- und auswendig. Und natürlich ist der Big Apple ihre Lieblingsstadt. Seit 2018 lebt sie jedoch in ihrer zweiten Traumstadt: London. Dort arbeitet sie als Redakteurin bei PERE, einem führenden Fachmagazin für Real Estate Märkte weltweit.