STREET CREDIBILITY

Wer in diesen Tagen durch die Straßen von Berlin streift, kann sie kaum übersehen: lebensgroße Motive von attraktiven Modemodels, die schablonenhaft raue Häuserwände und -eingänge schmücken. Es sind die Werke von XOOOOX, einem in Polen geborenen deutschen Urban-Art-Künstler. Längst gehören seine ikonischen Darstellungen in Schwarz und Weiß zu den gefragtesten auf dem internationalen Kunstmarkt. Seine Motive werden mittlerweile unter anderem von den Top-Galerien in Chicago, London, München und New York gezeigt. XOOOOX selbst aber fühlt sich in seiner Heimatstadt Berlin am wohlsten. Immer dann, wenn er mit der Spraydose in der Hand durch die Straßen der deutschen Hauptstadt zieht und mit seinen Werken die Vergänglichkeit der Schönheit in Szene setzt. Das estatements magazin hat mit dem Urban-Art-Künstler über seine größte Faszination gesprochen: Städte.

estatements Magazin: Wie wird Ihr Name richtig ausgesprochen?

XOOOOX: Ksuuuks.

estatements: Wir nehmen an, Sie sind nicht das uneheliche Kind von Elon Musk und Frank Zappa. Wie also sind Sie auf den Namen XOOOOX gekommen? Was möchten Sie damit ausdrücken?

XOOOOX: Anfangs habe ich Bilder von Models aus Modemagazinen ausgeschnitten und an Hauswände geklebt. Die Frauen wirkten so verträumt und nachdenklich. Das brachte mich auf die Idee, deren Ausdrucksform zu visualisieren. Ich wollte dabei nicht diese typischen Gedanken- oder Sprechblasen verwenden. Also habe ich diese Gedanken mit mehreren, vom Kopf der Models aufsteigenden X und O visualisiert. Erst nach einigen Monaten Artwork auf der Straße wurde mir klar, dass ich ein Pseudonym brauchte. Es war naheliegend, eben diese X und O zu verwenden. Ich mag es gerne puristisch. XOOOOX lässt sich drehen und spiegeln – der Name bleibt immer gleich.

estatements: Was verstehen Sie unter einer lebenswerten Stadt?

XOOOOX: Eine Stadt sollte idealerweise den persönlichen Bedürfnissen ihrer dort lebenden Menschen gerecht werden. Auch wenn wir alle sehr individuelle Persönlichkeiten sind. Für mich ist das Kulturangebot einer Stadt sehr wichtig. Aber auch Parks, weitläufige Gärten und die gesamte Infrastruktur.

estatements: Welche der Städte, die Sie bisher besucht haben, ist in Ihren Augen besonders lebenswert und warum?

XOOOOX: Schwer zu sagen. Es gibt so viele Städte, in denen es sich gut leben lässt. Ich mag Städte mit einer Uferpromenade. Ich mag Vancouver sehr, besonders die faszinierenden Wälder drumherum. Amsterdam, Barcelona und Rom sind ebenfalls klasse. Ich lebe in Berlin und denke, die Stadt hat noch Luft nach oben. Berlin könnte in Sachen Kunst mehr tun. Vielen öffentlichen Einrichtungen fehlt das Geld. Selbst Privatsammlungen, Galerien und Museen haben Berlin inzwischen den Rücken gekehrt. Anstatt noch mehr Hotels zu bauen, sollte es günstigere Wohnungen geben. Und Studios.

estatements: Passt Graffiti wirklich zu einer lebenswerten Stadt? Viele haben Graffiti jahrelang als eine Art Verschandelung des Stadtbildes gesehen. Erst in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten haben die Menschen begonnen, diese Art von Straßenkunst schätzen zu lernen.

XOOOOX: Illegale Graffiti findet nicht immer denselben Zuspruch wie große, aufwendige Fassadenbilder, die als Auftragsarbeiten entstehen. Es gibt aber auch einige wirklich gute Beispiele für illegale Graffiti. Street Art ist illustrativer und authentischer, sodass diese Kunstform von der Gesellschaft inzwischen besser angenommen wird.

estatements: War der Wandel vom Street Artist zum Galeriekünstler schwierig? Gibt es einen Unterschied zwischen diesen beiden Betätigungsfeldern und hat sich dadurch Ihr Stil verändert?

XOOOOX: Eigentlich war der Übergang nicht besonders schwierig. Ich arbeite mit den gleichen Materialien wie auf der Straße, nur bringe ich sie ins Atelier mit und bemale sie dort. Natürlich hat man im Atelier mehr Zeit und kann die Dinge gründlich durchdenken. Dazu hat man die Freiheit, mit Materialien zu experimentieren, beispielsweise Kupferblech oder Leinwand. Materialien, die man auf der Straße nicht vorfindet. Ich habe bereits abstrakte Malerei geschaffen, bevor ich mit Street Art angefangen habe und nutze immer noch beide Medien, was durchaus anspruchsvoll ist. An meinem Schablonenstil hat sich nichts geändert.

estatements: Welche Auswirkungen hatte die ­Covid-19-Pandemie auf die Kunstszene und auf Sie persönlich?

XOOOOX: Es war für viele Künstler extrem schwierig – und ist es immer noch. Ausstellungen wurden abgesagt oder verschoben. In dem Atelierhaus, in dem ich arbeite, mussten einige Künstler ausziehen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Das ist hart. Auch viele Galerien mussten sich von Mitarbeitern trennen. Ich hatte Glück, dass ich Ende 2019 noch eine Einzelausstellung machen durfte. Das einzig Positive an Covid-19 war die Ruhe auf den Straßen und das Gefühl, dass alles mehr oder weniger stillstand.

estatements: Sie planen dieses Jahr eine Ausstellung in der Vertical Gallery in Chicago. Wird sie stattfinden?

XOOOOX: Die Ausstellung wird wie geplant stattfinden, aber es wird höchstwahrscheinlich nur möglich sein, sie virtuell zu besuchen.

estatements: Denken Sie, dass Covid-19 Auswirkungen auf Ihre Arbeit und die Künstlerszene im Allgemeinen haben wird?

XOOOOX: Die Pandemie hat auf jeden Fall einige neue Formen der Kunstvermarktung hervorgebracht. Viele Galerien zeigen ihre Ausstellungen nur virtuell. Man kann sich online durch die Galerie bewegen, ähnlich wie bei Google Street View. Ich finde das gut und kann mir vorstellen, dass einige Künstler diese Art der Präsentation auch nach der Pandemie beibehalten werden. Auf meine Arbeit wird Covid-19 vermutlich keine große Auswirkung haben.

estatements: Glauben Sie, dass Covid-19 die Lebensqualität in Städten beeinflussen wird? Und wenn ja: eher positiv oder negativ?

XOOOOX: Es ist möglich, dass sich in Sachen klinische Versorgung etwas tun wird. Einige Kliniken, Ärzte und Labore haben zuletzt am Limit gearbeitet und können daraus Erkenntnisse für ihre zukünftige Arbeit ziehen. Zudem entstanden in Berlin während der Zeit des Lockdowns auf einmal viele neue Fahrradwege entlang der Hauptstraßen. Es wäre gut, wenn ein Umdenken einsetzt und weitere Menschen auf das Rad umsteigen.

estatements: Welche künstlerischen Projekte haben Sie in Zukunft vor?

XOOOOX: Ich habe mir vorgenommen, zukünftig wieder mehr Streetwork zu machen. Im Moment halte ich Ausschau nach einer größeren Fläche in Berlin. Daneben ist eine neue Serie von Screen Prints in Planung und ich bereite mich auf meine nächste Einzelausstellung 2021 vor.

„STREET ART IST ILLUSTRATIVER UND AUTHENTISCHER, SODASS DIESE KUNSTFORM VON DER GESELLSCHAFT INZWISCHEN BESSER ANGENOMMEN WIRD.“