SEX AND THE CITIES

Städte gelten gemeinhin als geburtenschwach. Einige Experten sprechen sogar von einer „Bevölkerungsfalle“. Tatsächlich fallen die amtlich erfassten städtischen Geburtenraten im Vergleich zu ländlichen Regionen oftmals weitaus niedriger aus. Die Researcher von PATRIZIA kamen bei der Untersuchung aktueller europäischer Statistikdaten allerdings zu einigen überraschenden Ergebnissen.

SEX AND THE CITIES

Städte gelten gemeinhin als geburtenschwach. Einige Experten sprechen sogar von einer „Bevölkerungsfalle“. Tatsächlich fallen die amtlich erfassten städtischen Geburtenraten im Vergleich zu ländlichen Regionen oftmals weitaus niedriger aus. Das estatements Redationsteam kam bei der Untersuchung aktueller europäischer Statistikdaten allerdings zu einigen überraschenden Ergebnissen.

Wenn die Lebensqualität von Städten erforscht wird, dann werden in der Regel auch Daten zur Geburten- und Kinderfreundlichkeit einer Stadt unter die Lupe genommen. Zum Beispiel die Anzahl der in Städten lebenden Kinder bzw. der Einrichtungen für Kinder wie Kindertagesstätten usw. Der Trend zur Urbanisierung geht meist Hand in Hand mit sinkenden Geburtenraten. So zumindest die allgemeine Wahrnehmung.

Diese Korrelation ist auf den ersten Blick tatsächlich naheliegend: Städte beherbergen inzwischen über die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung – und die globale Geburtenrate ist nach Angaben der Vereinten Nationen von etwa fünf Kindern pro Frau in den 1950er-Jahren mittlerweile auf 2,47 gesunken.

Ganz offensichtlich scheinen beide Entwicklungen also synchron zu verlaufen. Sobald Länder sich wirtschaftlich weiterentwickeln und ein Trend zur Urbanisierung erkennbar wird, sinken gleichzeitig die Geburtenraten. Zugleich belegen zahlreiche internationale Studien seit dem Jahr 2000, dass die sogenannte Fertilität in ländlichen Gebieten im Vergleich zu Großstädten höher ist.

Einige überraschende und zum Teil scheinbar widersprüchliche Ergebnisse kommen allerdings ans Tageslicht, wenn man beide Trends genauer untersucht.

Entschlüsselt man die komplexen Zusammenhänge sozioökonomischer Daten und ähnlicher Faktoren, zeigt sich in vielen Regionen ein anderes Bild. Häufig wird einfach angenommen, dass sich die in städtischen Regionen gewöhnlich höheren Lebenshaltungskosten auch auf die „Kinderkosten“ auswirken. Und damit das Kinderkriegen unattraktiver machen.

Tatsächlich aber weisen einige Städte mit den höchsten Lebens- und Wohnkosten eine höhere sogenannte bereinigte Bruttogeburtenrate (Anzahl der Neugeborenen pro 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter) auf als der jeweilige nationale Durchschnitt. Beispiel London. Ein Grund könnten die zum Teil deutlich höheren Einkommen in diesen ansonsten „unbezahlbaren“ Metropolen und Städten sein, die die Kosten für Erziehung und Ausbildung von jungen Menschen schnell relativieren.

Das scheinbar inverse Verhältnis zwischen Einkommen und Geburtenrate ist kein modernes städtisches Phänomen, sondern als „Malthusianische Katastrophe“ seit Jahrhunderten bekannt. Diese These geht auf den britischen Nationalökonomen Thomas Malthus zurück, der bereits in seinem „Bevölkerungsgesetz“ aus dem Jahr 1798 die Behauptung aufstellte, dass nur größere Unterhaltsmittel auch zu größerem Kinderreichtum führen.

Babyboom in den Städten

Aber stimmt diese althergebrachte Theorie überhaupt? Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass Städte keineswegs kategorisch „Bevölkerungsfallen“ sind wie von Malthus behauptet. Jedenfalls nicht (immer) in Europa. Die Researcher von PATRIZIA untersuchten eine Reihe von europäischen Großstädten, die im PATRIZIA Living City Index aufgeführt sind, und kamen zu teilweise erstaunlichen Ergebnissen. Im Durchschnitt lag die bereinigte Bruttogeburtenrate in den untersuchten Ballungsräumen sogar um 5,3 % über der bevölkerungsgewichteten Geburtenrate im Inland.

Die aktuelle PATRIZIA Untersuchung umfasste 63 europäische Metropolregionen aus besagtem Index. Im Jahr 2017 lebten in diesen Städten 138 Millionen Menschen, wobei insgesamt 1,5 Millionen Neugeburten zu verzeichnen waren.

In vier dieser Städte lag die Geburtenrate um mindestens 10 % über dem inländischen Durchschnitt: Dresden, Birmingham, Antwerpen und Lissabon. Die Geburtenrate der beiden letztgenannten Städte ist im Vergleich zu ländlichen Regionen besonders beeindruckend: plus 20 % bzw. plus 36 %. Auch Mailand und Brüssel weisen in dieser Kategorie erstaunliche Werte auf.

Deutschland hat bei dieser Untersuchung ebenfalls den ein oder anderen „Überraschungskandidaten“ zu bieten. Eigentlich galten die neuen Bundesländer bislang als Bevölkerungsfalle, ganz im Malthus‘schen Sinn. Noch 1992 wurde in Ostdeutschland die niedrigste Geburtenrate aller Zeiten verzeichnet. Die drei ostdeutschen Städte Berlin, Dresden und Leipzig übertreffen jedoch ihre „Kollegenstädte“ aus der alten Bundesrepublik inzwischen in Sachen Neugeborenenstatistik deutlich und sind bundesweit an der Spitze.

„KINDERREICHTUM IN STÄDTEN BEDEUTET EIN MEHR AN LEBENS- QUALITÄT FÜR ALLE.“

Fruchtbare Länder

Zudem gibt es in Europa ganze Länder, in denen städtische Regionen geburtenfreundlicher sind als ländliche, so zum Beispiel Portugal (plus 11,1 %, insbesondere „dank“ der Hauptstadt Lissabon), Belgien (plus 6 %) und Italien (plus 2,1 %). Absolut gesehen werden in Europa die meisten neuen Erdenbürger in der Metropolregion Paris geboren, gefolgt von der Region West Midlands in Großbritannien (mit dem „Zugpferd“ Birmingham) und dem südfranzösischen Marseille.

Auf der anderen Seite gibt es tatsächlich Städte, in denen die Geburtenraten vergleichsweise deutlich unter dem nationalen Durchschnitt liegen. Edinburgh schneidet europaweit am schlechtesten ab. In der schottischen Hauptstadt liegt die Geburtenrate fast 22 % unter dem britischen Durchschnitt. Pro 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter werden dort 16 Babys weniger geboren als zum Beispiel in London (plus 4,8 % im Vergleich zum britischen Landesdurchschnitt). Die niedrigsten Geburtenraten in Europa weisen Genua (41,5), Porto (42,8) und Rom (43) auf. Straßburg und Montpellier besitzen eine höhere Geburtenrate als der europäische Durchschnitt. Die Zahlen sind jedoch im Vergleich zu ihrem „fruchtbareren“ Heimatland Frankreich niedrig.

Im PATRIZIA Ranking folgt eine Gruppe kleinerer Städte wie Cardiff, Graz, Odense und Regensburg, die eine um etwa 7,5 % geringere Geburtenrate aufweisen als im jeweiligen Inland.

Wie auch immer: Kinderreichtum in Städten bedeutet nachweislich mehr Lebensqualität. Städte, die als „kinderfreundlich“ gelten, sind in aller Regel attraktiver und lebenswerter. Laut UNICEF gilt eine Stadt als kinderfreundlich, wenn junge Menschen Zugang zu qualitativ hochwertigen sozialen Angeboten haben, sich an einer sicheren und sauberen Umwelt mit zahlreichen Grünflächen erfreuen können sowie an zahlreichen freien Plätzen zum Spielen, Freunde treffen usw. Außerdem wird positiv bewertet, wenn Kinder eine faire Chance haben, ihr heutiges und zukünftiges Leben unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, Religion, elterlichem Einkommen, Geschlecht oder Talenten selbstständig entwickeln zu können. Diese Werte und Qualitäten schätzen bekanntlich alle gleichermaßen – egal, ob Kinder, Eltern, Singles oder andere Stadtbewohner.