SCHRUMPFENDE STÄDTE

Görlitz ist eine der schönsten deutschen Städte. Aber auch eine Stadt, die besonders drastisch geschrumpft ist. Politiker und Wissenschaftler suchen nach Möglichkeiten, den Trend umzukehren – und setzen auf die Kreativwirtschaft.

Was für eine schöne Stadt! Das ist die Reaktion fast aller Menschen, die Görlitz besuchen. Die sächsische Stadt, direkt an der polnischen Grenze und damit ganz im Osten Deutschlands gelegen, ist ein Freilichtmuseum der Architekturgeschichte, das prachtvolle Gebäude von der Gotik über die Renaissance und den Barock bis hin zur Gründerzeit versammelt. Im Unterschied zu den allermeisten deutschen Städten hatte Görlitz, einst wegen seiner Lage an der Via Regia ein bedeutender und reicher Handelsstandort, nie größere Kriegszerstörungen zu beklagen. Deshalb kann man heute noch Schmuckstücke bewundern wie die Pfarrkirche St. Peter und Paul, den Renaissancebau des Schönhofs (heute Sitz des Schlesischen Museums) und das Barockhaus in der Neißstraße.

Doch Görlitz ist mehr als ein lohnenswertes touristisches Ziel. Die Stadt an der Neiße ist auch ein Musterbeispiel für Klein- und Mittelstädte, die abseits der Metropolen liegen und deshalb mit Abwanderung, Überalterung und Wirtschaftsschwäche zu kämpfen haben. Weil nach der Wiedervereinigung zahlreiche Görlitzer in die alten Bundesländer abwanderten, ging die Einwohnerzahl zwischen 1990 und 2012 von 74.000 auf 54.000 zurück. Gleichzeitig erhöhte sich das Durchschnittsalter in dramatischem Ausmaß, wie Zahlen der Sächsischen Staatskanzlei zeigen: War der durchschnittliche Bewohner des Landkreises Görlitz im Jahr 1990 knapp 39 Jahre alt, so waren es 2015 fast 49 Jahre.

„GÖRLITZ IST EIN SPEKTAKULÄRES BEISPIEL FÜR EINE STADT, DIE WEITERHIN SCHRUMPFEN WIRD.”

Andreas Knie

Görlitz ist Deutschlands östlichste Stadt mit über 4.000 Immobilien und einer reichhaltigen architektonischen Vielfalt. Das Durchschnittsalter beträgt 47,3 Jahre. Damit lebt seit 2017 in Görlitz die älteste Bevölkerung Deutschlands.

Ist Görlitz also zum Aussterben verdammt? Genau diese These vertrat vor wenigen Jahren der Sozialwissenschaftler An­dreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Er bezeichnete damals Görlitz als „spektakuläres Beispiel einer Stadt, die weiterhin schrumpfen wird.“ Nichts könne diese Entwicklung aufhalten: „Es ist keine Initiative in Sicht, die Görlitz einen Schub verleihen wird.“

Dieser Einschätzung widerspricht heute Robert Knippschild, Professor am Internationalen Hochschulinstitut Zittau und Leiter des Interdisziplinären Zentrums für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) in Görlitz. „Grundannahme unserer Forschungen ist, dass kleinere Städte abseits der Metropolen für die deutsche Raumstruktur prägend sind und das Potenzial haben, eine Alternative zu den Großstädten zu sein“, sagt der Raumplaner. Ein Anzeichen dafür, dass diese These stimmt, sieht er darin, „dass viele Mittelstädte in strukturschwachen Regionen den drastischen Bevölkerungsrückgang gestoppt haben.“

Das gilt auch für Görlitz. Noch 2012 erwartete die Bertelsmann-Stiftung, dass die Einwohnerzahl bis 2030 auf 48.500 zurückgehen werde. Doch stattdessen kehrte sich in den letzten Jahren der Trend um, sodass heute immerhin gut 56.000 Menschen in der Stadt wohnen. „Die Entwicklung der Einwohnerzahlen war in den letzten Jahren immer besser, als es die Prognosen vorhergesagt haben“, freut sich Hartmut Wilke, Leiter des Amts für Stadtentwicklung.

Verantwortlich dafür ist (abgesehen vom Sondereffekt der hohen Flüchtlingszahlen 2015 und 2016) vor allem ein Grund: Görlitz schafft es, Menschen aus anderen Regionen anzuziehen.

Insbesondere Rentner lassen sich in der Stadt nieder, weil sie die Kombination aus hoher Lebensqualität, niedrigen Wohnkosten und guter Infrastruktur überzeugt.

„Görlitz ist zweifelsohne für ältere Menschen sehr attraktiv“, bestätigt der Wissenschaftler Knippschild. Das ist nicht erst heute so: „Schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert machten viele Pensionäre die Stadt zu ihrem Wohnort“, berichtet Prof. Knippschild.

Ob es darüber hinaus gelingen kann, auch jüngere, mobile und in aller Regel freiberuflich tätige Personen für eine mittelgroße Stadt wie Görlitz zu begeistern, untersuchte das von Prof. Knippschild geleitete IZS von Anfang 2019 bis Frühjahr 2020 mit dem Projekt „Stadt auf Probe – Wohnen und Arbeiten in Görlitz“. Bei dem Forschungsvorhaben konnten Berufstätige hauptsächlich aus kreativen Branchen für jeweils vier Wochen umsonst in der Stadt an der Neiße wohnen und einen Arbeitsplatz nutzen. Mindestens vier davon waren vom Aufenthalt so begeistert, dass sie tatsächlich nach Görlitz umgezogen sind.

Allerdings hat sich in den letzten Jahren ein tragfähiges Netzwerk der Kreativwirtschaft gebildet. Dazu gehören beispielsweise das Kulturzentrum Kühlhaus, das Jugendkulturzentrum Rabryka sowie Gaststätten wie das Café Kugel oder das Bistro Jakobs Söhne, die sich auch in angesagten Vierteln prosperierender Großstädte gut machen würden. Als Vorteil erweist es sich dabei, dass Görlitz über zahlreiche leer stehende Gewerbeflächen verfügt. In lange verwaisten Ladenlokalen befinden sich beispielsweise die Kolaboracja, eine Kombination aus Coworking-Space und Veranstaltungsraum, und der Gründerladen Ahoj, der gemeinwohlorientierten Initiativen kostenfreie Arbeitsplätze zur Verfügung stellt.

Wie viele kleine und mittlere Städte in Ostdeutschland kämpft Görlitz gegen einen bedrohlichen Bedeutungsverlust. Zwischen 1990 und 2012 schrumpfte die Einwohnerzahl von 74.000 auf 54.000. Inzwischen jedoch ist eine Trendumkehr erkennbar.

„GRUNDANNAHME UNSERER FORSCHUNGEN IST, DASS KLEINERE STÄDTE ABSEITS DER METROPOLEN FÜR DIE DEUTSCHE RAUMSTRUKTUR PRÄGEND SIND UND DAS POTENZIAL HABEN, EINE ALTERNATIVE ZU DEN STÄDTEN ZU SEIN.”

Robert Knippschild

Zu den Menschen, die diesen Raum nutzen, gehört der junge Schriftsteller Lukas Rietzschel („Mit der Faust in die Welt schlagen“), der sich nach seinem Studium in Kassel für Görlitz entschieden hat. Auch die aus Belgien stammende Jessy James LaFleur, eine erfolgreiche Spoken-Word-Künstlerin (Selbstbezeichnung auf Facebook: „a nomad with conviction“), hat jüngst ihre Zelte in der Grenzstadt aufgeschlagen. „Es sind Menschen“, schreibt der Journalist und Autor Cornelius Pollmer, „die mehr Vertrauen in ihre Stadt haben als in kalte Extrapolationen irgendwelcher Daten.“

Doch auch wer lieber auf Zahlen und Fakten schaut, findet Anzeichen, die hoffnungsfroh stimmen. So hat 2019 die Zahl der Touristen um nicht weniger als 16,4 Prozent zugenommen. Der Weltkonzern Siemens, der in Görlitz ein Werk für Dampfturbinen betreibt, kündigte 2019 die Entwicklung eines Innovationscampus an. Und weit über Sachsen hinaus trägt der Ruf der Stadt als „Görliwood“ – Filmproduktionsfirmen haben das pittoreske Ambiente der Stadt entdeckt, sodass hier Erfolgsstreifen wie „Der Vorleser“ und „The Grand Budapest Hotel“ gedreht wurden.

Allerdings ist der zarte Aufschwung nicht ungefährdet. Sorgenvoll beobachten die Stadtväter, welche Auswirkungen die geplante Übernahme des Bahnherstellers Bombardier durch Alstom auf das traditionsreiche Görlitzer Werk haben wird. Das prachtvolle Jugendstil-Kaufhaus, das schon vor Jahren an einen Investor gegangen ist, harrt weiterhin seiner Wiedereröffnung. Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, welche Auswirkungen Covid-19 auf die aufstrebende Kreativszene haben wird. Und doch kann sich dem Zauber dieser Stadt niemand entziehen, der sie besucht hat. Wie schreibt doch Cornelius Pollmer? „Es kann sein, dass gerade in den Regionen, die nicht unter so einem hohen sozialen und wirtschaftlichen Druck stehen wie gegenwärtig die größeren Städte, sich neue Formen des Zusammenlebens etablieren.“

CHRISTIAN HUNZIKER lebt und arbeitet eigentlich in Berlin, weilte aber im Herbst 2019 im Rahmen des Projekts „Stadt auf Probe“ vier Wochen lang in Görlitz. Die architektoni­sche Schönheit der Stadt und das Engagement vieler Menschen begeisterten ihn. Daran, dass die Straßen in der Innenstadt schon um 18 Uhr fast menschenleer sind und die Straßenbahn zu den Hauptverkehrs­zeiten nur alle 20 Minuten fährt, konnte sich der bekennende Großstädter hingegen nicht so recht gewöhnen. Hunziker ist studierter Historiker und Germanist und schreibt als freier Immobilienjournalist unter anderem für WELT und Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie für diverse Fachmagazine. Außerdem moderiert er immobilienwirtschaftliche Fachveranstaltungen.