GELIEBTES GROSSSTADT­LEBEN

In ihrem Herzen blieb die britische Buchautorin Lucy Anna Scott immer ein Mädchen vom Land. Kein Wunder, dass sie und ihre Familie nach einigen Jahren London verließen und in eine ländlichere Region zurückkehrten. Anstatt dörflicher Idylle und Seelenfrieden erwartete sie dort jedoch etwas überraschend anderes. Hier ihr persönlicher Erfahrungsbericht.

Mehr als einmal wurde ich gefragt, ob ich es bedauere, nach nur sechs Monaten auf einer abgelegenen Halbinsel in Cornwall nach London zurückgekehrt zu sein. Natürlich würde jeder denken, dass es gerade in Zeiten einer globalen Pandemie wesentlich entspannter sein müsse, in einer weitläufigen, ländlichen Welt zu leben, in der sich Fuchs und Hase noch „Gute Nacht“ sagen – aber ich bin da anders gestrickt!

Ich bin und bleibe eine Anhängerin des Stadtlebens. Das gilt sogar in Zeiten, in denen meine Kinder nicht mehr auf ihrem geliebten Radweg entlang der Themse fahren dürfen, weil es womöglich zu verbotenen Menschenansammlungen kommen könnte. Oder in denen ich wegen Abstandsregeln meine Nachbarn vom Garten aus beinahe anschreien muss, anstatt mich mit ihnen wie früher ganz normal zu unterhalten. Ja, sogar in Zeiten, in denen mir eine Kassiererin im Supermarkt das Rückgeld unter einer billigen Plexiglasscheibe hindurchreichen muss. All das, was ich derzeit in London erlebe – genau wie alle anderen – ist für mich bei Weitem nicht so schlimm, wie dieses Leben in völliger Abgeschiedenheit am Meer und auf dem Land.

Mein ältester Sohn war sechs Monate alt, als wir unsere bescheidene kleine Londoner Wohnung gegen eine großzügigere (und billigere) auf dem Land tauschten. Unser Londoner Mietvertrag wurde nicht verlängert, mein Mann war freiberuflich tätig und hatte kein Problem damit, Berufspendler zu werden. Ich selbst als junge Mutter sah in diesem Wegzug eine Rückkehr zu meinen Ursprüngen – und war stolz auf mich und meine mutige Entscheidung.

Gedanken daran, eines Tages wieder aufs Land zu ziehen, gab es bei mir schon immer. Schließlich war ich im ländlichen Somerset groß geworden. Als 20-Jährige hatte ich eine klare Vorstellung vom Leben in einer Großstadt. Ich träumte von den Freiheiten, die das dortige Nachtleben bot. Vom Kulturangebot. Und den vielfältigen Karrierechancen natürlich.

Und doch: Für mich fühlte sich eine Stadt wie eine sehr verlockende Jugendliebe an, die jedoch für ein Mädchen wie mich womöglich nichts Dauerhaftes sein konnte. Kein wirklicher Ehekandidat sozusagen. Jener Partnertyp, in den man sich unsterblich verliebt und gleichzeitig im Innersten seiner Seele weiß, dass eine längere Beziehung niemals gut gehen würde.

Weit entfernt also von einer wirklichen Seelenverwandtschaft. Denn ein Seelenverwandter musste genau wie ich das Meeresrauschen lieben, reine Luft und pittoreske Landschaften. Welten eben, in denen buntes Vogelgezwitscher die einzige willkommene Abwechslung ist.

Und dann das: Keine zwei Wochen, nachdem wir London verlassen hatten und wieder aufs Land gezogen waren, wusste ich in meinem tiefsten Innern, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte. Es fühlte sich an wie die alte Geschichte, bei der man etwas erst wirklich schätzen lernt, wenn es nicht mehr da ist. Nein, mich störte nicht unbedingt, dass ich nicht mehr Sushi essen gehen konnte, wann immer ich wollte. Ich hätte sogar damit leben können, erst dann wieder Internetzugang zu haben, wenn ein neuer Telegrafenmast vor unserem ländlichen Haus aufgestellt ist. Das, was mir am meisten fehlte, war, inmitten von Millionen anderer Mitmenschen zu leben. Großstadt eben.

Befragt man in England Menschen, die außerhalb Londons leben, was sie über die britische Hauptstadt denken, bekommt man fast immer dieselbe Antwort: Gerne besucht man hin und wieder die Stadt – aber von einem längeren Aufenthalt wollen die meisten nichts wissen. Viele schrecken die unglaublichen Menschenmassen in dieser Metropole ab. Andere wiederum halten „die Städter“ für kaltherzig, unsolidarisch und nur an Geld interessiert. Ich persönlich denke, dass die Enge einer Stadt tatsächlich andere Seiten des Menschen zum Vorschein bringt. Die unfiltrierten. Man könnte auch sagen: die ehrlicheren.

Beispiel Pendler. Wer kennt nicht all die Autofahrer, die auf dem Weg zurück an den Schreibtisch ihren Fuß nicht mehr vom Gaspedal bekommen. Ist dieser Mensch wirklich egoistischer als ein Landbewohner, der im Wissen um seine Ortskenntnis Ortsfremde auf der Landstraße rücksichtslos überholt? Meine Erfahrung sagt mir: Wettbewerb offenbart überall die „offensiveren“ Seiten des Menschen.

In der Stadt geht es hektischer zu

Enge – wie in einer Großstadt - hat auch ihre positiven Seiten. Sie macht das Gesellschaftsleben vielfältiger und bunter. Ich zum Beispiel habe als Stadtbewohnerin gleich mehrere Freundes- und Bekanntenkreise. Zum Beispiel meine Nachbarschaft. Daneben bin ich als Mitglied im Tanzverein viermal die Woche aktiv und in bester Gesellschaft. Nicht zuletzt gibt es unseren Freundeskreis, den wir über verschiedene Kindergruppen und deren Eltern kennengelernt haben.

Darüber hinaus gibt es viele Communities in einer Stadt, die gelernt haben, aus der Not eine Tugend zu machen – gerade Stadtbewohner sind darin wahre Experten! Beispiel Urban Gardening. Kaum jemand von unseren Bekannten in der Stadt besitzt privat einen größeren Garten. Also haben wir – ein bunter Zusammenschluss von jungen Familien, Rentnern, Alteingesessenen und Zugereisten – uns zusammengetan, um Gemüse anzubauen. Auf einem Feld, das wir gemeinsam bewirtschaften. Dazu treffen wir uns jeden Sonntagmorgen traditionell zum Saatgutwechsel mit anschließendem Kaffeekränzchen und selbst gebackenem Kuchen. Auf meinem Weg mit den Kindern durch unser Kleingartengelände erfreue ich mich jedes Mal an den gärtnerischen Groß- und Kleintaten anderer Gleichgesinnter. Überall kann ich mir Ideen abschauen, wie ich meine eigenen Saubohnen nächstes Mal ökologischer anbauen könnte. Oder jemand gibt mir wichtige Tipps, wie meine selbst gepflanzten Blumen noch prachtvoller aussehen könnten.

Stadtleben bedeutet für mich übrigens auch, das Auto häufig stehen zu lassen. Zu Fuß, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man quasi überall hin; eine Form von Freiheit, wie ich sie liebe.

In meinem aktuellen Buch habe ich noch weitere Vorteile aufgeschrieben: vor allem das Tratschen. Wenn ich zum Einkaufen gehe, treffe ich normalerweise mindestens eine Freundin oder einen Bekannten. Zufällig. Jedes Mal gibt es eine Menge Neuigkeiten zu besprechen. Die Begeisterung meines Mannes darüber hält sich in Grenzen. Er ist eher der kontaktscheue Typ, aber bleibt zu meinem Glück auch bei solchen Zufallstreffen geduldig an meiner Seite. Er meint häufig mit einem Augenzwinkern, dass ihn Einkaufen mit mir manchmal an ein Computerspiel erinnere – man wisse nie, hinter welcher Ecke der nächste unfreiwillige Stopp lauere ... Na klar hat er recht, aber für mich bedeuten diese Begegnungen Beziehungspflege und menschliche Nähe. Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch, Ideen und Sorgen austauschen - all das hält mich lebendig.

Es menschelt überall

Es ist noch nicht lange her, dass vor allem Technologieunternehmen die Struktur ganzer Arbeitsbereiche revolutionierten. Seitdem ist es für viele Mitarbeiter vorbei mit der Einsamkeit in beengten Kleinbüros, jeder kann in weitläufigen Räumlichkeiten und nach jeder Tasse Kaffee seinen Schreibtisch wechseln. Die Idee dahinter liegt auf der Hand: Es soll eine kollaborative Atmosphäre entstehen, die Kreativität und Produktivität auf eine neue Stufe heben.

Mich begeistert das. Nähe zu anderen – wie in modernen Arbeitswelten oder im Großstadtleben – hat noch weitere Vorzüge. Denn menschliche Kontakte fördern Offenheit und Transparenz. Meine Nachbarn zum Beispiel kommen aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen. Eine Dame ist fast 90 Jahre alt. Meine Kinder haben bei ihr gelernt, auf das Tempo älterer Menschen Rücksicht zu nehmen. Nicht nur bei gemeinsamen Spaziergängen. Sie wissen jetzt, dass für ihren kindlichen Überschwang nicht immer die richtige Zeit ist.

Interessant sind auch Begegnungen mit unterschiedlichen Kulturen. Eine unserer befreundeten Familien kommt aus Japan. Als letztes Jahr in ihrem Heimatland erneut ein heftiger Taifun wütete, bekamen wir aus erster Hand mit, wie sehr solche Naturkatas­trophen die Menschen vor Ort und ihre Verwandten in der Ferne beschäftigen. Ein paar Straßen weiter lebt eine ehemalige Arbeitskollegin. Eine kluge, humorvolle und engagierte Frau, die zuletzt ein eigenes Unternehmen gründete. Auch ihre Biografie ist hoch­interessant, denn sie kam damals als Flüchtling aus dem Bosnienkrieg nach London. Spätestens seit unserem Kennenlernen weiß ich, dass viele Erzählungen aus den Medien mit Vorsicht zu genießen sind und es Stereotypen schlichtweg nicht gibt.

Empathie ist nach meiner festen Überzeugung eine Fähigkeit, die sich aus dem Kennenlernen anderer Menschen und dem Wissen um deren Lebenserfahrungen heraus entwickelt. Je mehr unterschiedliche Menschen einem im Leben begegnen und je größer der eigene Bekanntenkreis ist, desto stärker bilden sich wichtige Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen bei einem selbst heraus. Schaffen Verständnis und Bewusstsein. Der Mensch ist letztlich ein soziales Wesen.

Ich liebe und brauche die Ungezähmtheit der Natur für mich und mein Leben. Aber Menschen sind mir mindestens genauso wichtig. Und notwendig. Der Mensch braucht beides – die Natur und die Gesellschaft anderer.

Ja, ich glaubte eine Zeit lang, ein Leben in Abgeschiedenheit am Meer würde mehr Ausgeglichenheit und Seelenruhe in mein Leben bringen. Aber ein Landleben wie in meinen Kindheitstagen würde bedeuten, dass die nächsten Freunde und Nachbarn mindestens 40 Autominuten von uns entfernt leben würden. Schon morgens beim Aufstehen würde mir klar werden, dass ich auch heute keine andere Seele zu Gesicht bekommen werde als meinen Ehemann oder meine Kinder. Es würde sich früher oder später ein Gefühl der Abgeschiedenheit bei mir einstellen, verstärkt wahrscheinlich noch durch die häufigen Nebeltage am Meer.

Mir wurde also bewusst: Selbst in der aktuellen Zeit, die für keinen von uns einfach ist, lebe ich lieber in der Stadt und nehme dabei gerne in Kauf, dass die Kommunikation mit Menschen derzeit eingeschränkt ist – denn nur hier fühle ich mich als Teil dieser großartigen Gemeinschaft namens Menschheit.

LUCY ANNA SCOTT ist Schriftstellerin. Aus ihrer Feder stammt unter anderem der Roman „Mindful Thoughts for City Dwellers“ (nur in englischer Sprache erhältlich). Im Mittelpunkt ihrer litera­rischen Arbeit steht stets die Beziehung zwischen Mensch und Natur, besonders hinsichtlich des Lebens in der Stadt. Mehr zur Autorin und ihren Büchern unter www.lucyannascott.com.