GRELLE LICHTER, KRANKE STÄDTE

Wie wird die globale Coronapandemie unsere Städte verändern? Darüber sprach das estatements Magazin mit dem erfolgreichen Berliner Architekten Tobias Nöfer.

Die berühmte Pariser Stadtsilhouette ist das Vermächtnis von Baron Haussmann, der auf Befehl von Kaiser Napoléon III. zwischen 1853 und 1870 mittelalterliche Stadtviertel abreißen ließ. Sie galten als überfüllt und gesundheitsgefährdend und wurden durch breite Alleen, Parks und Plätze, Brunnen, Aquädukte und vor allem durch Abwasserkanäle ersetzt. Aber waren die Gründe dafür wirklich gesundheitliche Bedenken oder ging es eher um militärische Überlegungen?

Die erste Erleichterung hat sich in vielen Teilen der Welt nach Aufkommen der Covid-19-Pandemie eingestellt – und die gesamte Immobilienbranche sucht inzwischen Antworten auf zahlreiche Fragen: Wie werden unsere Städte nach Covid-19 aussehen? Wird die Pandemie die Stadt von morgen prägen? Wird die Gebäudeplanung zukünftig anders aussehen müssen?

Kaum jemand kann diese und ähnliche Fragen besser beantworten als Tobias Nöfer, geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Architekturbüros Nöfer. Nöfer leitete das Projekt „Planwerk Innenstadt“ – ein Großprojekt zur Neugestaltung des historischen Zentrums von Berlin.

Nach seinem Architekturstudium an der RWTH in Aachen und der ETH in Zürich war Nöfer Mitarbeiter bei bekannten Architekten wie Oswald Mathias Ungers und Hans Kollhof, bevor ihn 1998 die Selbständigkeit lockte. Städtebau, Architekturkonzepte und Projektleitung sind seine Haupttätigkeitsfelder geblieben. Nöfer ist darüber hinaus Vorstandsvorsitzender des Berliner Architekten- und Ingenieurverbandes (AIV).

Mit estatements sprach er über mögliche Veränderungen bei der Stadtentwicklung der Zukunft durch Covid-19.

Hobrechts Pläne für Berlin führten zu überfüllten Mietkasernen, Wohnblöcken mit Hinterhöfen, in die wenig Sonnenlicht eindrang und in denen bis in die 1920er Jahre ein Großteil der Industrie der Stadt angesiedelt war. Heute beherbergen solche Höfe oft Szene-Cafés, Galerien und Start ups, wie etwa in den Hackeschen Höfen.

estatements Magazin: Oft wird behauptet, dass Krankheiten die von Menschen geschaffenen Infrastrukturen, Umgebungen und ganze Städte maßgeblich verändern können. Eines der berühmtesten Beispiele ist die Skyline von Paris. Baron Haussmann gestaltete das Gesicht von Paris in den 1880er Jahren infolge mehrerer Cholera-Ausbrüche neu und ließ daneben erstmals moderne Abwasserkanäle errichten. Auch der Bau der bekannten Londoner Victoria Embankment, Inbegriff der englischen Promenade, durch Sir Joseph William Bazalgette als Teil eines neuen und ambitionierten Sanitärsystems erfolgte als Antwort auf mehrere Ruhr-, Typhus- und Cholerawellen, die damals die britische Metropole heimsuchten und bei der alleine eine Welle 10.000 Menschen ihr Leben kostete. Gibt es in Deutschland ähnliche Beispiele für Stadtgestaltungen, die auf Pandemien zurückgehen?

James Hobrecht (1825-1902) gestaltete Berlin nach einem Plan von 1862 um. Er führte die Kanalisation ein, um die hygienischen Bedingungen zu verbessern. In seinen Plänen wurden zudem weite Teile der Stadt für eine geplante Einwohnerzahl von 1,5 bis 2 Millionen umstrukturiert.

Nöfer: Man würde zu weit gehen, wenn man Krankheiten ganz allgemein als wesentlichen Treiber der Stadtgestaltung bezeichnen würde. Andere Faktoren waren bei der Stadtentwicklung schon immer wesentlich bedeutender. Nehmen Sie zum Beispiel die Zeit des Barock in Berlin. Anlässe zum Bau großer kommunaler Plätze wie etwa dem Pariser Platz, dem Leipziger Platz oder dem Mehringplatz nahe der Zollmauer waren damals überwiegend militärischer Natur. Natürlich war Gesundheitsvorsorge in Städten immer ein Thema und führte zu entsprechenden Innovationen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflussten die Planungen von James Hobrecht die Stadtentwicklung von Berlin. Wie Bazalgette in London war auch er in erster Linie ein auf Städtebau spezialisierter Wasserbauingenieur.

Dank ihm entstand in Berlin das feingliedrige Netz an Straßen, Plätzen und Parks, das wir seitdem kennen- und schätzen gelernt haben. Hobrechts Entwicklung führte auf der anderen Seite jedoch zu einer massiven Verdichtung. Es entstanden damals jene dunklen Berliner Hinterhöfe, die später mangels Lichteinfall zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen der Stadtbevölkerung werden sollten. In diesen 1920er Jahren verabschiedete man sich infolgedessen von der jahrhundertealten Tradition der Trennung von öffentlichem und privatem Bereich. Licht, Luft und Sonne wurden damals zu zentralen Themen moderner Stadtgestaltung, obwohl wir diesen untypischen städtischen Charakter heutzutage kritischer ansehen.

„MAN KANN NICHT SAGEN, DASS DIE STÄDTE WESENTLICH DURCH KRANKHEITEN GEPRÄGT WURDEN - ANDERE FAKTOREN WAREN BEI DER STADTENTWICKLUNG SCHON IMMER WESENTLICH BEDEUTENDER.“

estatements: Wie wird Covid-19 unsere Städte verändern? Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Veränderungen keineswegs derart einschneidend werden wie damals in Paris oder London, als nach Pandemien zum Teil eine gesamte Skyline umgestaltet wurde. Welche Veränderungen sehen Sie durch die aktuelle Pandemie auf uns zukommen?

Nöfer: Historisch gesehen haben sich Städte eher gemächlich verändert. Das Coronavirus mag heute weit verbreitet sein, aber die Entwicklung eines Impfstoffs wird vermutlich nicht länger als zwei Jahre dauern. Dies ist in Bezug auf Stadtentwicklungen eine eher kurze Zeit. Die durch dunkle Hinterhöfe verursachten Erkrankungen im 19. Jahrhundert wie Rachitis beeinflussten unsere Stadtkonzepte weit mehr als die Spanische Grippe in den 1920er Jahren. Natürlich greifen Lockdowns wie zuletzt massiv in unseren Alltag ein, bleiben aber wohl kurzfristiger Natur. All diese Einschränkungen hinterlassen vor allem deswegen Eindruck, weil sie sich auf unsere direkte Umgebung auswirken und uns deshalb im wahrsten Sinn des Wortes „nahe gehen“.

Auf der anderen Seite können solche Ereignisse durchaus auch einen positiven Nebeneffekt haben. Zum Beispiel indem wir uns intensiver als bislang Gedanken um städtische Räume und Umgebungen machen. Oder auch zum Thema Mobilität. Denken Sie an den massiven Anstieg des Flugverkehrs in den letzten Jahrzehnten. Aus meiner Sicht wäre es endgültig an der Zeit, diese Art des Reisens zu hinterfragen. Nun bekommt der Klimawandel eine Pause verordnet. Zwangsläufig. Leider brauchen wir Menschen ab und zu einen Klaps auf den Hinterkopf, bevor wir über gewisse Dinge ernsthaft nachzudenken und unser Verhalten ändern. Dies könnte jetzt so ein Moment sein.

„DAS HINTERHOF-ELEND DES 19. JAHRHUNDERTS VERÄNDERTE UNSERE STADTKONZEPTE WEIT MEHR ALS DIE SPANISCHE GRIPPE IN DEN 1920ER JAHREN.”

estatements: Vor welchen Herausforderungen stehen Architekten durch Covid-19 und planen auch Sie Veränderungen? Wie man hört wird in Ihren Kreisen über neue Designansätze nachgedacht. Laut einer Umfrage des Architectural Digest erwarten viele Designer und Architekten zukünftig eine zeitnahe Implementierung neuer Technologien wie sprachaktivierte Aufzüge, Freisprech-Lichtschalter und Zugang zu Hotelzimmern via Apps.

Nöfer: Einige Architekten sind immer schnell bei der Hand und stellen sofort Fragen grundsätzlicher Natur. Beinahe schon reflexartig. Die Einführung neuer Technologien auf breiter Ebene war bereits vor Covid-19 in vollem Gange. Wie bereits angesprochen sind Architektur und Stadtplanung nicht dazu da, alle paar Monate in Frage gestellt zu werden.

Beide Themen entwickeln sich gemeinsam mit der menschlichen Natur und typischen menschlichen Verhaltensweisen. Diese aber verändern sich erfahrungsgemäß im Evolutionstempo, also extrem langsam. Im Mode- und Designbereich hingegen kommen und gehen Entwicklungen wesentlich schneller. Hierdurch werden eher Transformationen angestoßen. Genauso wie wahrscheinlich durch neuartige Kleidungsstücke wie Masken oder Social-Distancing-Regeln gegen die weitere Ausbreitung von Covid-19.

estatements: Welche Auswirkungen werden Covid-19 und soziale Distanzierung - soweit derzeit erkennbar ist - auf Großraumbüros haben? Welche Veränderungen sehen Sie bei der Gebäudeplanung der Zukunft, insbesondere in Bezug auf Hochhäuser und Wolkenkratzer?

Nöfer: Schon vor der Krise gab es je nach Arbeitsbereich unterschiedliche Anforderungen, die bei der Gestaltung von Büroarbeitsplätzen zu berücksichtigen waren. Für einige Berufsgruppen waren schon immer abgeschlossene Räumlichkeiten wichtig, um konzentriert arbeiten zu können oder vertrauliche Gespräche zu führen. Andere benötigten seit jeher Gruppenarbeitsbereiche, um als Team enger zusammenarbeiten zu können. Und bei Call Centern wiederum machten kleine Kabinen mit geringem Platzbedarf einen Sinn. Nach zwei Monaten Dauerkrise ist inzwischen eine Rückkehr zur Normalität zu erkennen, die deswegen funktioniert, weil die bekannten Social Distancing-Regeln sowie das Maskentragen allgemein anerkannt sind und eingehalten werden.

Das Home Office wurde zwischenzeitlich zum Trend, aber ich gehe nicht davon aus, dass diese Entwicklung nachhaltig sein wird. Die privaten Räumlichkeiten der Arbeitnehmer eignen sich schlichtweg nicht dauerhaft als Büroersatz. Einige bekommen zuhause mit der Zeit einen Lagerkoller und sehnen sich zurück nach persönlichem Austausch mit den Kollegen am Arbeitsplatz. Digitalisierung hin oder her – immer wieder entstehen durch rein digitalen Austausch Missverständnisse und Fehler. Kurz gesagt: Wir gehen davon aus, dass die aktuellen Maßnahmen nicht dauerhaft sein werden. Deshalb sehen wir auch weiterhin keine nachhaltigen Auswirkungen auf Architektur und Stadtplanung. Alles weitere ist reine Spekulation.

„DIE GESELLSCHAFT BRAUCHTE SICHERLICH EINEN DENKZETTEL, UM IHRE APATHIE GEGENÜBER DER DROHENDEN KLIMAKATASTROPHE ZU ÜBERWINDEN.”

estatements: Und doch: Unsere Arbeitsweise selbst könnte sich radikal verändern. Seit Covid-19 und dem Trend zum Home Office zeigt sich, dass Mitarbeiter durchaus zu Hause arbeiten und dabei produktiv sein können. Kann dieser Trend bestehen bleiben oder kommt es Ihrer Meinung nach früher oder später zur Rückkehr an den angestammten Arbeitsplatz?

Nöfer: Covid-19 hat die Flexibilität in der Arbeitswelt deutlich beschleunigt. Diese Entwicklung gab es bereits vor der Krise und wurde lediglich angefacht. Auch vor Covid-19 arbeiteten viele von uns von zu Hause aus, weswegen die Umstellung für unser Büro nicht besonders einschneidend war.

Wir sind nun geübter zum Beispiel in Sachen Videokonferenzen, aber haben auch erkannt, dass persönliche Gespräche in vielen Fällen durch nichts zu ersetzen sind. Wir haben in der Krise wichtige Erfahrungen sammeln können, die wir ansonsten erst später in dieser Form gesammelt hätten.

estatements: Können Sie sich vorstellen, dass nun die Zeit für mittelgroße Städte gekommen ist? Einfach deshalb, weil hier ähnliche Vorteile zum Tragen kommen wie in großen Ballungsräumen, aber gleichzeitig weniger Enge vorherrscht, der Weg ins Büro schneller möglich ist und man deswegen einfacher zwischen Home Office und Firma pendeln kann?

Nöfer: Eine solche Entwicklung ist durchaus vorstellbar und hätte Vorteile wie Dezentralisierung und insgesamt weniger Verkehrsaufkommen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass eine solche Entwicklung kommen wird. Mittelgroße, geschweige denn kleinere Städte werden in Bezug auf Abwechslungsmöglichkeiten und Attraktion Großstädten niemals das Wasser reichen können.

Das wahre Stadtleben hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Direkt vor Ort und damit „mitten im Leben“ zu sein wird auch weiterhin den Reiz des Lebens und Arbeitens in einer größeren Stadt ausmachen.