Wenn Sensoren erwachsen werden


30 / 05 / 22 - 7 minute read

Anhänger von Smart-City-Konzepten versprechen sich von diesen gesamtheitlichen Entwicklungskonzepten gleich mehrere Vorteile: eine höhere Produktivität, mehr Wirtschaftlichkeit, intelligentere Lieferketten sowie eine insgesamt reibungslos funktionierende urbane Umgebung. Damit diese Vorzüge eines Tages wahr werden können, ist eine entsprechend intelligente Infrastruktur unverzichtbar. Graham Matthews, Head of Infrastructure bei PATRIZIA, der über mehr als 24 Jahre Branchenerfahrung verfügt, beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Potenzialen dieses neuen Ansatzes.

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estatements: Graham, zuerst einmal: Was ist eigentlich eine intelligente Infrastruktur?

Graham Matthews: In den vergangenen 250 Jahren hat die Welt eine Reihe technologischer Errungenschaften hervorgebracht. Es begann mit der Dampfmaschine, die eng mit dem Namen Henry Ford, der erstmals die Fließbandproduktion einführte, verbunden ist. Ende des 20. Jahrhunderts begann die digitale Revolution. Computer und digitale Kommunikationstechnologien sorgten für entsprechende disruptive Veränderungen. Inzwischen spricht man von der vierten industriellen Revolution. Gemeint ist damit der Trend zur Automatisierung und zum Datenaustausch zwischen Technologien und Prozessen. Treiber
dieser Entwicklung ist das IoT, also das Internet der Dinge, das auf intelligenten Sensoren und Aktoren basiert.

Diese Sensoren können an physischen Strukturen angebracht werden und Daten über alles Mögliche sammeln – Mengen, Zusammensetzungen, Häufigkeiten, Bilder, Bewegungen. Im Grunde ließe sich diese Aufzählung endlos fortsetzen. Die gesammelten Daten werden anschließend in strukturierte Datensätze
umgewandelt und in einer Cloud gespeichert. Mithilfe maschinellen Lernens bzw. künstlicher Intelligenz (KI) werden sämtliche Datensätze untersucht, Muster identifiziert und analysiert. Wenn das System diese Daten und Technologien nutzt, um zu kommunizieren und zu handeln, spricht man von einem „intelligenten“ System.

In den vergangenen zehn Jahrenwurden weltweit in erheblichem Maß Sensoren eingesetzt. Überall. Nun geht es darum, das Potenzial dieser Sensoren optimal auszuschöpfen.

Graham Matthews

estatements: Wann kommt dabei der „smarte“ Teil der Infrastruktur ins Spiel?

Matthews: Zunächst einmal muss man erläutern, was man gemeinhin unter einem sogenannten intelligenten Gebäude versteht. Bei intelligenten Gebäuden sind bestimmte physische Systeme wie WLAN, Beleuchtung, Strom, Heizung, Lüftung und Klimaanlage integriert. Ziel hierbei ist es, die gesamte Umgebung
– basierend auf der derzeitigen und künftigen Anzahl der Menschen im Gebäude – zu optimieren. Bei herkömmlichen Immobilien waren diese Möglichkeiten stark eingeschränkt und bezogen sich zum Beispiel auf ein Abschalten der Klimaanlage übers Wochenende. Ein intelligentes Gebäude hingegen passt die Bedingungen iterativ und in Echtzeit an, basierend auf Vorhersagen, die auf der Grundlage unzähliger Sensordaten erstellt wurden.

Auf ähnliche Weise verwendet eine intelligente Infrastruktur Daten, um den Betrieb wiederholt schrittweise anzupassen. Die Art der Infrastruktur, mit der ich mich überwiegend beschäftige, umfasst Flughäfen, Stromnetze, Eisenbahnen, Straßen, Häfen und Versorgungsbereiche wie Kanalisation und Wasser. Infrastruktur ist jedoch keine homogene Assetklasse. Verschiedene Assets erfordern unterschiedliche Daten. Deswegen kann man den Begriff Infrastruktur nicht auf die gleiche Weise zusammenfassen, wie dies bei Gebäuden der Fall ist. Beispielsweise können Datensätze über einen Hafen Informationen zu Schiffswegen, Liegezeiten, Leerstandsquoten in Docks sowie Schiffsgröße und -gewicht umfassen. Ein intelligenter Flughafen wiederum liefert Daten zu Gesichtserkennung bei der Identifikation von Passagieren, Gesundheitsüberwachungssysteme und automatische Gepäckinformationen.

Was alle Infrastrukturen gemeinsam haben, ist das Potenzial datengesteuerter Wartungsprogramme. Beispielsweise kann Bildtechnologie die Veränderung des physischen Zustands von Assets in Echtzeit überwachen und strukturelle Schwächen erkennen. Solche Entwicklungen eröffnen dem Asset Management
ganz neue Möglichkeiten im Hinblick auf betriebliche Effizienz und Kosteneinsparungen.

estatements: Wie groß ist der Markt für intelligente Infrastruktur?

Matthews: Oxford Economics schätzt, dass zwischen 2016 und 2040 94 Billionen US-Dollar in die Infrastruktur investiert werden müssen, um die weltweite Nachfrage zu decken. Eine beeindruckende Zahl, die das Potenzial verdeutlicht. Zumal diese Zahl um 19% höher liegt als das, was bis dahin angenommen wurde. Es besteht also eine deutliche Lücke.

Während letztlich alle Sektoren „intelligent“ sein können, beziehen sich nicht alle erforderlichen Infrastrukturinvestitionen tatsächlich auf intelligente Infrastruktur. Einer aktuellen Studie zufolge hatte der globale Markt für intelligente Infrastruktur im Jahr 2020 einen Wert von 78 Milliarden US-Dollar und soll bis 2028 auf 434,16 Milliarden US-Dollar steigen. Meiner Einschätzung nach gibt diese Zahl nicht die wahre Größe des Markts wieder. Beide Studien zeigen aber in etwa das Potenzial auf.

estatements: Wie ist PATRIZIA in diesem Bereich positioniert? Was hat das Unternehmen an intelligenter Infrastruktur zu bieten?

Matthews: Vor allem Erfahrung. Wir sind seit über 24 Jahren erfolgreich im Infrastrukturbereich tätig, haben nahezu 7 Milliarden Euro investiert und unseren Investoren dabei außergewöhnliche Renditen geliefert. Bis heute haben wir 110 Direktinvestments, 74 realisierte Investments und mehr als 35 laufende  Investments getätigt. Zu unseren Kernsektoren zählen Transport, Versorgung und erneuerbare Energien, soziale Infrastruktur und digitale Infrastruktur.

Mit dem Fonds Smart City Infrastructure haben wir einen der ersten, vielleicht sogar den allerersten Smart-City-Infrastrukturfonds weltweit aufgelegt. Die Unternehmen, in die wir investiert haben, liefern Smart-City-fähige Glasfasernetze, lesen intelligente Wasserzähler aus, bringen Sensoren an Mülleimern an, um die Abfallentsorgung zu optimieren, ermöglichen intelligente Transportnetze und vieles mehr.

Welche smarten Bereiche der Infrastruktur bieten aus Ihrer Sicht kurz- bis mittelfristig die größten Chancen?

Matthews: Es gibt hochinteressante Optionen bei Infrastruktur-Eigen- und Fremdkapitalprodukten sowie börsennotierten Infrastrukturinvestments. Wir haben in einige spannende Projekte investiert, zum Beispiel Fernwärme in Norditalien, einen Faserentwickler und -hersteller im Norden Großbritanniens und in ein Müllheizkraftwerk-Plattformprojekt in Norwegen.

Zweifellos besitzt der Bereich Infrastruktur, der sich auf die Themen Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung stützt, ein gewaltiges Potenzial im Energiesektor. Herkömmliche Wind- und Solarenergie bietet sicherlich nach wie vor Chancen, obwohl wir noch weit interessantere Potenziale in den Bereichen Biokraftstoffe, Fernwärme sowie Müllheizkraftwerke und Wasserstoffspeicherung sehen. 

Hinzu kommt der gesamte Komplex der digitalen Infrastruktur. Corona hat die Notwendigkeit erheblicher Investitionen in die digitale Infrastruktur deutlich gemacht. Hierbei geht es nicht nur um das Thema flexibles Arbeiten, sondern auch um die Weiterentwicklung von Smart-City-Strategien. Von ebenfalls großer
Bedeutung ist der gesamte Bereich der sozialen Infrastruktur, also zum Beispiel Kinderbetreuung, Bildung, der Gesundheitssektor sowie andere Dienstleistungen, die für die Gesellschaft und unser tägliches Leben unerlässlich sind.

Corona hat die Notwendigkeit erheblicher Investitionen in die digitale Infrastruktur deutlich gemacht. Hierbei geht es nicht nur um das Thema flexibles Arbeiten, sondern auch um die Weiterentwicklung von Smart-City-Strategien.

Graham Matthews

estatements: Soziale Infrastruktur?

Matthews: Ja, in modernen westlichen Gesellschaften können wir auf diese Art von Assets einfach nicht verzichten. Beispiel Kita: Die technischen Voraussetzungen müssen mitwachsen, um sicherzustellen, dass die Bedürfnisse der betreuten Kinder optimal berücksichtigt werden.

Dasselbe gilt für den gesamten Pflegebereich, der uns aufgrund der demografischen Entwicklung vor neue Herausforderungen stellt. Technologie wird künftig eine überragende Rolle bei der Verbesserung der Lebensumstände im Alter spielen.

Intelligente Technologien und soziale Infrastruktur muss man zusammen denken. Zum Beispiel müssen Gesundheitsdienste an verschiedenen Standorten bereitgestellt und Krankenhauseinrichtungen effizienter gestaltet werden. Dazu gehört auch die Erweiterung von Ressourcen vor Ort durch virtuelle Ressourcen auf Basis intelligenter Infrastruktur sowie der gesamte Bereich Ferndiagnosen. Technologie und intelligente Infrastruktur versetzen uns in die Lage, Dienstleistungen aus der Ferne zu erbringen, um dadurch die Kapazitäten bestehender physischer Einrichtungen besser zu nutzen.

Hier besteht also ein direkter Zusammenhang. Die soziale Infrastruktur bildet das Rückgrat jeder nachhaltigen Gesellschaft, doch Investitionsmöglichkeiten in diesem Sektor wurden leider häufig übersehen. Die Nachfrage wird besonders hier steigen. Schon deshalb, weil öffentliche Einrichtungen nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, solche Angebote wie in der Vergangenheit flächendeckend bereitzustellen. Gerade die Corona-Pandemie hat die Verschuldungssituation der Haushalte weiter verschärft. Deshalb führt an größeren privaten Investitionen in die soziale Infrastruktur zukünftig kein Weg vorbei.

Investoren werden also vom Aufbau intelligenter Infrastruktur profitieren. Aber welche Vorteile ergeben sich für die Gesellschaft?

Matthews: Jede einzelne der drei zuvor erwähnten Wellen des technologischen Wandels hat die Lebensweise der Menschen stark verändert – und auch diese nächste Welle wird solche Veränderungen auslösen. In den vergangenen zehn Jahrenwurden weltweit in erheblichem Maß Sensoren eingesetzt. Überall.

Nun geht es darum, das Potenzial dieser Sensoren optimal auszuschöpfen. Intelligente Technologien können die Ressourceneffizienz optimieren, über Investitionsprogramme informieren, Kosten senken sowie den Aufbau gesunder und lebenswerter Umgebungen fördern. Darüber hinaus hat die nun laufende vierte industrielle Revolution – wie auch alle Wellen zuvor – das Potenzial, das globale Einkommensniveau zu erhöhen und die Lebensqualität der Menschen auf der ganzen Welt zu verbessern.

Image credits: pugun-photoDrAfter123, fatcamera

London, United Kingdom

Graham Matthews

CEO Infrastructure

Graham Matthews

Graham Matthews, Head of Infrastructure bei PATRIZIA, war 1998 Gründungsgesellschafter und Chief Executive von Whitehelm Capital, bevor sich das Unternehmen 2022 mit PATRIZIA zusammenschloss.

Er baute das Infrastrukturgeschäft des Unternehmens genau zu der Zeit auf, als weltweit Privateigentum für öffentliche Infrastruktur ermöglicht wurde. Zuvor übernahm Graham leitende Funktionen im australischen Finanzministerium und vertrat Australien beim Internationalen Währungsfonds in Washington DC.