Visionen von einer großartigen Zukunft


08 / 12 / 21 - 9 minute read

Chaz Barrisson gründete The London Police (TLP) nach seinem Umzug 1998 von England nach Amsterdam. Sein Ziel: mehr Kreativität in den Straßen der niederländischen Hauptstadt. Bob Gibson, sein bester Freund, folgte bald darauf und die beiden britischen Jungs leisteten Ende des letzten Jahrhunderts Pionierarbeit in der Street-Art-Bewegung.

Nach einigen Jahren auf Reisen, bei denen zahlreiche neue Street-Art-Projekte entstanden, weckten die beiden die Aufmerksamkeit der Community und wurden für viele andere junge Künstler zum Vorbild. Es folgten Einladungen zu Shows und Street-Art-Liveevents auf der ganzen Welt und die Würdigung ihrer Arbeiten durch die Aufnahme in die angesagtesten Kunstkataloge.

Getreu ihrem persönlichen Lebensmotto „Hab keine Angst, sei kein Held und lass dich von einer Welle tragen“ haben sie mehr als 35 Länder bereist, darunter die Niederlande, Singapur, Italien, Norwegen, Slowakei und die USA. Über 100 Shows und Events kamen dabei zusammen.

Autor

estatements: Wie würden Sie Ihre Kunst beschreiben? Was ist die Inspiration hinter Ihrer Bildsprache?

Chaz: Unsere visuelle Sprache zeichnet sich durch zwei unterschiedliche Stile aus, die zusammen zur Sprache von The London Police wurden. Da waren zunächst meine Charaktere, die in einer Fantasiewelt leben. Bob ergänzte meine Figuren durch architektonische Elemente. Man könnte unseren Stil als eine Verschmelzung beschreiben - von futuristischer Umgebung und Fantasy-Welten. Durch unsere langjährige Freundschaft haben sich während der Zusammenarbeit von TLP zwei künstlerisch verschiedene Richtungen zu einer einzigartigen Sprache entwickelt. 

Bob: Du sagst es! Bei uns existieren zwei Stile: meine architektonischen Kompositionen und Chaz‘ Charakterfiguren. Die Bilder von Chaz entstehen aus authentischen Graffiti-Figuren, Pop-Art und Skateboard-Kunst. Meine kreativen Ausdrucksformen basieren typischerweise auf Architektur und Vintage- Architekturillustrationen.

Chaz: Im Laufe der Jahre hat Bob seine eigenen Themen entwickelt und besondere Charaktere geschaffen. Meistens konzentriere ich mich wiederum eher auf den Hintergrund. Dafür nutze ich häufig Graffiti-Schriften alter Schule. Oder ich gestalte Hintergründe in besonderen Farben, die Pastellfarben ähnlich sind und sich von seinen Schwarz-Weiß-Illustrationen abheben. Alles in allem versuchen wir, unseren Werken eine positive Ausstrahlung zu geben, die uns ein Glücksgefühl vermitteln - und hoffentlich auch den Leute, die unsere Werke betrachten.

estatements: In Ihren Kunstwerken spielen Stadtkulissen, Technologie und ikonische LADS-Characters eine große Rolle – aber auch Visionen von der Zukunft und Landschaften von morgen. Können Sie erklären, wie dieses visuelle Repertoire entstanden ist?

Chaz: Entscheidend ist, dass bei uns zwei eigene ­Stile zusammengefunden haben. Meine Charaktere und Bobs Architektur drum herum. Meine Charaktere sind meistens LADS-Characters. Sie entspringen ausschließlich meiner Fantasie. Als Einzelwerk sind es zunächst „nur“ visuell interessante Charaktere. Aber wenn Bob die Arbeit fortführt, entstehen ganz neue eigene Welten, in denen meine Charaktere zum Leben erweckt werden und eine besondere Tiefe bekommen. Außerdem entstehen auf einmal Narrative. Welche Handlungen werden meine Figuren als Nächstes vollziehen? Wie wird ihre Umgebung zukünftig aussehen? Oder, Bob?

 

Bob: Genau. Ich denke, es ist die Verschmelzung beider Stile und Welten, die einzigartige Geschichten über Charaktere in einer futuristisch illustrierten Welt erzählt.

estatements: Typisch für Ihre kreative Handschrift sind Ihre porträtierten Charaktere. Sie scheinen immer aufeinander zuzugehen. Und irgendwie mitzugestalten. Wie wichtig ist generell dieser kollaborative Aspekt bei Ihrer kreativen Arbeit?

Chaz: Sehr wichtig. Dieses Zusammenwirken schweißt uns zusammen. Nur als Tandem sind wir, was wir sind.

Bob: Jeder von uns beiden hat großartige eigene Talente. Nur gemeinsam jedoch können wir diese besonderen Motive entwickeln. Interessant ist, dass jeder einzelne Stil im Grunde eigenständig ist. Zusammen entfalten diese beiden Stile aber eine eigene Energie und Ausdruckskraft.

Chaz: Das, was woanders eine Animation oder eine andere Art von bewegten Szenen wäre, ähnelt bei unseren Wandmalereien eher Standbildern oder Stillleben. Wir würden es interessant finden, unsere Zusammenarbeit zu erweitern und unsere Motive sowie Ideen gemeinsam mit Animationskünstlern weiterzuentwickeln. Dadurch könnten unsere Arbeiten noch lebendiger werden.

estatements: Gibt es eine klare Rollenverteilung im Team, wenn es um die Gestaltung neuer Kunstwerke geht? Oder ergänzen Sie sich abwechselnd?

Chaz: Wir arbeiten schon lange als Partner zusammen und sind ein eingespieltes Team. Wir kennen jeweils unsere Rollen und wissen, was jeder von uns drauf hat. Bei der Gestaltung unserer Werke laufen die Dinge beinahe automatisch ab. Intuitiv. Trotzdem versuchen wir stets eine gewisse Flexibilität zu bewahren. Unsere Herangehensweise zeichnet sich dadurch aus, dass wir zunächst nur eine grobe Idee haben. Wir erlauben uns ausreichend Freiräume, um zu sehen, wie sich diese Ideen bei der Gestaltung entwickeln. Einerseits haben wir also eine gewisse Vorstellung, wohin die Reise gehen soll. Auf der anderen Seite lassen wir uns selbst von Modifikationen und neuen Einflüssen auf dem Weg dorthin überraschen.

 

estatements: Die in Ihren Kunstwerken dargestellten Charaktere strahlen Glück und Zufriedenheit aus. Was macht Ihre Figuren denn so happy?

Chaz: Stimmt nicht ganz, denn nicht alle unsere Charaktere strahlen vor Glück. Sicherlich fühlen sich manche beim Betrachten unserer Figuren an Smiley-Gesichter erinnert, aber wer weiß: Vielleicht ist es ja auch ein schiefes Lächeln? Ich denke, die von uns dargestellten Charaktere spiegeln zum Teil uns selbst wider. Bobs Charaktere betrachten das Leben manches Mal mit einer gewissen Distanz. Genau wie er selbst. Die Figuren mit einem ständigen Lächeln auf den Lippen kommen eher nach mir. Wie auch immer: Je länger man sich unsere Charaktere anschaut, desto mehr Charaktereigenschaften und Nuancen sind zu entdecken.

 

Bob: Sie werden beim Betrachten unserer Figuren stets gewisse Wesenszüge und zugleich Stimmungen entdecken. Genauso wie Sie gute und weniger gute Seiten erkennen können. Happiness alleine ist noch keine Geschichte. Jedes einzelne Leben besteht nun mal aus Herausforderungen, Siegen und Enttäuschungen. All das gehört zum Leben dazu. Es sind diese Kontraste, die Geschichten erzählen. Gegensätze sind hierfür essenziell! Übrigens verwenden wir bei unseren Kreationen in erster Linie Schwarz-Weiß-Schattierungen – auch das sind natürlich eindeutige Gegensätze. Im Dezember 2020 hatte PAT Art Lab das Glück, bei The London Police ein Wandgemälde in Auftrag geben zu können. Realisiert wurde das Kunstwerk in PATRIZIAs Luxemburger Büro. Zu sehen ist es im ersten Obergeschoss beim Empfangsbereich und in der Nähe der Präsentationsräume. Beide, Mitarbeiter und Besucher, sollen sich an dieser kreativen Arbeit erfreuen und zu eigenen Ideen bei der täglichen Arbeit motiviert werde

estatements: Wir würden uns freuen, wenn Sie einige Worte über Ihre Wandmalerei verlieren würden, die Sie für PATRIZIA in Luxemburg erstellt haben. Ganz besonders zu den Szenen, die die Werte von PATRIZIA symbolisieren, also Optimismus & Beharrlichkeit

Chaz: Gerne. Zuerst wählten wir das Material, abhängig von der Größe des Werks, aus. Danach entschieden wir uns für ­einen ersten spontanen Entwurf, der unserer Meinung nach am besten mit der Umgebung harmoniert und im vereinbarten Zeitrahmen realisierbar ist. ­Zuvor gehen wir natürlich stets alle unsere Charaktere und architektonischen Kompositionen durch. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Geschichte unserer Partner und wollen diese persönliche Story anhand unserer Kunstwerke auf einzigartige Weise erzählen. Gemeinsam mit PAT Art Lab haben wir damals die Farben – passend zur Umgebung - ausgewählt und überlegt, wie die Werte von PATRIZIA in unser Werk integriert werden könnten. Danach ging es an die Aufgabenverteilung. Neben einer groben Skizze haben wir anschließend einen gemeinsamen Zeit- und Ausführungsplan erstellt.

Bob: Nach Durcharbeiten des Briefings entstand die Idee, auf unserem Wandbild Fahnen schwenkende Menschen zu zeigen, die mit ihren Armen positive Gesten wie High Five und Ähnliches machen. Flaggen sowie verschiedene Momentaufnahmen des Teamworks und des Erfolgs symbolisieren unserer Meinung nach die Werte von PATRIZIA aus gestalterischer und architektonischer Sicht am besten. Gerade bei Wandbildern wie diesem kommt es darauf an, zunächst eine grobe Vorstellung vom Endprodukt zu haben. Trotzdem werden zu diesem Zeitpunkt und der Skizzenerstellung noch nicht alle Details festgelegt, um Spielraum für Flexibilität zu lassen. Es kann zum Beispiel sein, dass wir während unserer Arbeiten Menschen treffen, deren Namen wir an der Wand verewigen. Oder uns fällt noch etwas zum Standort oder dem Unternehmen ein, das wir unbedingt hinzufügen möchten. Solche spontanen Einfälle kommen häufig vor.

estatements: Kann Kunst im Allgemeinen oder Ihre Kunst Ihrer Meinung nach zu einer besseren Zukunft beitragen? Und wie??

Chaz: Wenn wir ein positives und zugleich unterhaltsames Motiv entwerfen, dann hinterlassen wir beim Betrachter ein positives Gefühl. Wir wollen keine langweilige, graue und gesichtslose Umgebung. Die Welt braucht Orte, an denen man genießen kann und die Lebensfreude vermitteln. Graue Wände sind langweilig. Wände mit ansprechenden Motiven und vielleicht sogar einer Botschaft machen unser Leben bunter.

 

Bob: Genau wie bei der Musik. Jedes Mal, wenn ich Barry Manilow im Radio höre, bekomme ich gute ­Laune. Kunst hat einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen. Ich weiß nicht, ob ­unsere Kunst eine ähnlich starke Wirkung hat, aber wir haben durchaus die Absicht unsere Welt ein bisschen besser zu machen. Natürlich sollten die Motive optisch ansprechend sein. Wer unsere Kunstwerke betrachtet, sollte in jedem Fall Lust auf Gestaltung bekommen und die Welt optimistischer sehen als zuvor.

estatements: Welche Entwicklungen in der Kunst sehen Sie in Zukunft auf uns zukommen?

Bob: Schwierige Frage. Einige Tendenzen zeichnen sich aber bereits ab. Bisher haben wir im traditionellen Kunstbereich gearbeitet, also mit Stiften, Farbe und Staffelei. Im Moment experimentieren wir mit digitaler Kunst und mit der Animation unserer künstlerischen Elemente. Ich denke, das wäre eine Richtung, in die wir uns neu erfinden könnten und unsere Kunst weiterentwickeln. Neu aufstellen kann bedeuten, unterschiedliche Werkzeuge einzusetzen oder einen Teil der Arbeit, der bisher per Hand durchgeführt wurde, zu automatisieren. Eine Weiterentwicklung wäre auch, mit Experten aus anderen Bereichen zusammenzuarbeiten.

 

Chaz: In der Kunstwelt wird derzeit viel über NFTs, also Non-Fungible Token, diskutiert. Auch wir haben angefangen, uns damit zu beschäftigen. Es sieht so aus, als könnten Krypto-Kunst und NFTs in Zukunft interessant werden. Genauso wie der künstlerische Einsatz von Licht, Laser, 3-D, Augmented und Virtual Reality. All dies sind neue Kunstfelder, bei denen Technologie und Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen.

estatements: Sie beschäftigen sich in Ihrer Bildsprache seit 25 Jahren mit Stadtkulissen. Sehen diese immer gleich aus? Glauben Sie, dass sich Ihre Kunstwerke mit dem Wandel der Technologie & der Stadtentwicklung verändern? Wovon werden sie beinflusst?

Bob: Zu meiner Arbeit gehört es, darauf zu achten, dass unser Tun interessant bleibt. Ich bleibe stets neugierig, schaue mich in der Welt um und lasse mich gerne inspirieren. In anderen Worten: Wenn sich die Welt da draußen verändert, dann werden sich sicherlich meine architektonischen Elemente mit ihr verändern. Schritt für Schritt. Es wäre sicherlich interessant, einmal zu untersuchen, inwieweit sich Kunstwerke auf der einen und Gebäudestile und Städte auf der anderen Seite im Laufe der Zeit verändert haben.

 

Chaz: Die Orte, die wir besuchen, beeinflussen unseren Stil. „Im Auftrag der Kunst zu reisen“ bedeutet immer auch, die Architektur verschiedener Orte wie London, New York und Tokio auf sich wirken zu lassen. Natürlich entwickelt man sich innerhalb einer Umgebung. Deshalb passen sich auch die Charaktere und die Architektur unserer Umgebung an.

estatements: Was sagen uns Ihre Kunstwerke über die Zukunft?

Chaz: Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Kunstwerke sprechen können … (lächelt). Wir haben jedenfalls keine prophetische Botschaft. Aber unsere Werke sagen etwas über unsere Zukunft aus. Wir wollen das Projekt The London Police weiterführen, so lange uns diese Arbeit Freude macht. Wir sind seit 25 Jahren befreundet und haben uns in dieser Zeit beide sehr verändert. Unsere Freundschaft hat sich verändert und unser Leben. Geblieben sind unsere Motivation und Beharrlichkeit, die man benötigt, um ein solches Projekt lebendig zu halten.

 

Bob: Ich denke, unsere Kunstwerke sind ein Zeichen des Friedens. Auch indem wir auf unseren Motiven glückliche Orte zeigen. Sicherlich hätte niemand etwas dagegen, wenn auch die Zukunft ein positiver und glücklicher Ort wäre. Das wäre großartig!

estatements: Vielen Dank für Ihre Zeit und die Einordnung Ihrer Arbeit!

Das Interview führte Tania Di Brita, Kuratorin PAT Art Lab. Weitere Informationen finden Sie hier: pat-art-lab.com/pat-art-lab/ and @thelondonpolice/