Ukraine: das Schwärzeste aller denkbaren Black-Swan-Ereignisse


16 / 05 / 22 - 6 minute read

Als russische Panzer am 24. Februar in aller Früh die ukrainische Grenze überquerten, waren viele Beobachter auf der Welt überrascht. Zwar hatten US-Geheimdienste vor der zunehmenden Gefahr einer Invasion gewarnt. Doch nur wenige Teilnehmer an den Finanzmärkten nahmen die Gefahrenlage ernst. Und mussten anschließend eingestehen, dass sie ein solches, so genanntes Black-Swan-Ereignis nicht auf dem Schirm hatten. So nennen Finanzakteure überraschende, seltene Ereignisse, mit denen zuvor niemand rechnete und die kurz- aber auch langfristig dramatische Folgen nach sich ziehen. Mahdi Mokrane bewertet diesen historischen Einschnitt und erläutert mögliche Auswirkungen auf die Geschäftswelt.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine war ein Black-Swan-Ereignis und schüttelte die Finanzmärkte und die Realwirtschaft kräftig durcheinander. Es ist nicht auszuschließen, dass die Folgen noch Jahrzehnte lang spürbar sein werden.

Russische T-72-Panzer und Fallschirmjäger, die zunächst den ukrainischen Luftwaffenstützpunkt Hostomel in Kiew attackierten, beendeten mit einem Schlag eine jahrzehntelang friedliche Entwicklung in der westlichen Welt, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aufblühte. Die Globalisierung schritt voran, eine Zollschranke nach der anderen fiel und die Notenbanken der westlichen Hemisphäre hatten keine Schwierigkeiten, die Inflation unter ihrem damaligen Ziel von 2 % zu halten.

Russlands Invasion bedeutet jedoch eine historische Zeitenwende. Die sich hieraus ergebenden geopolitischen Spannungen, ausgelöst durch harte Wirtschaftssanktionen, haben die Inflation befeuert - insbesondere für den Energiesektor. Darüber hinaus wurde die bereits seit der Coronapandemie entstandene Lieferkettenproblematik zusätzlich verschärft. Auch die Europäische Union muss sich rechtfertigen: Zu deutlich wurden die Abhängigkeiten von US-amerikanischer Verteidigungspolitik auf der einen und Russland als Energielieferanten auf der anderen Seite. 

Disruptive Trends

Beim letzten Business Update Call im April ging Mahdi Mokrane, Head of Investment Strategy & Research bei PATRIZIA, erneut auf die Vorkommnisse in der Ukraine und deren mögliche Auswirkungen auf PATRIZIA ein. Die wichtigste Botschaft: Der Ukraine-Krieg hat keine direkten Auswirkungen auf PATRIZIA. Es gibt in dieser Region weder eigene Vermögenswerte noch Investoren. Allerdings ist das Kapitalmarktumfeld insgesamt betroffen.

Wirtschaftlich gesehen ist der Krieg in der Ukraine ein disruptives Ereignis. Durch diesen Vorfall werden zahlreiche Trends, die sich seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie verstärkt haben, noch einmal befeuert. Es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen sich dadurch auf die mittelfristigen Planungen hinsichtlich Wirtschaftswachstum, Rentabilität und Renditen ergeben können. Diese Frage stellen sich derzeit auch fast alle Investoren.

„Wir beobachten eine zunehmende Häufigkeit von Disruptionen“, berichtet Mokrane. „Muster, von denen man bislang ausging, könnten sich verschieben oder anders entwickeln – und damit die Planungen von Unternehmern durcheinanderbringen. Man denke etwa an die stark gestiegenen Inflationszahlen oder rezessive Tendenzen.“

Bereits Ende März lag die Inflation in den USA bei 8,5 % im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die Kosten für Lebensmittel, Wohnen und insbesondere Energie stiegen auf breiter Front. Insgesamt der stärkste Inflationsschub seit 1982. In der Eurozone sind die Energiepreise aufgrund des Krieges explodiert und um satte 44,4 % gestiegen. Die Gesamtinflation betrug ebenfalls ungewohnt hohe 7,4 %.

„Die Inflation wird noch ein Jahr oder länger anhalten, bevor sie dann voraussichtlich ihren Höhepunkt erreicht“, prognostiziert Mokrane.

Seiner Einschätzung nach zufolge wird sich die zunehmende Inflationsvolatilität auf die Zinssätze auswirken. Das wiederum wird die jeweiligen Planungen beeinflussen – egal ob für einzelne Assets oder die gesamte Unternehmung.

„Wir haben eine Reihe von Deals gesehen, die in Frage gestellt werden, weil niemand genau prognostizieren kann, wo die Zinssätze in ein oder zwei Jahren stehen könnten. Und ein Blick auf den Terminmarkt legt nahe, dass möglicherweise einige Geschäfte wackeln.“

Sobald eine Lösung in der Ukraine gefunden wird, wird die Rivalität zwischen den USA und China zweifellos wieder die Hauptrolle übernehmen. Unsere Aufgabe ist darüber nachzudenken, was diese Entwicklungen für das weltweite Wirtschaftswachstum bedeutet, für gegenseitige Abhängigkeiten und wo wir in diesem neuen Umfeld die größten Chancen sehen.

Mahdi Mokrane

Entschleunigung, geopolitische Spannungen und steigende Schuldenstände

Einen weiteren disruptiven Trend sieht Mokrane in der Deglobalisierung, die bereits nach der globalen Finanzkrise 2007/2008 Fahrt aufnahm. Einige Zahlen deuten darauf hin, dass der weltweite Handel seitdem zurückgegangen ist. Zuvor kannte man 25 Jahre lang nur eine Aufwärtsbewegung. Hinzu kommen verstärkte  Regionalisierungstendenzen in einer wettbewerbsintensiveren Umgebung.

Der „Economist“ warnte bereits im Januar 2019: „Die entstehende neue Welt wird anders funktionieren als die bisherige. Der Trend zur Entschleunigung wird einzelne regionale Blöcke zusammenschweißen. In Sachen Lieferketten wird man sich zukünftig sowohl in Nordamerika, Europa und Asien zunehmend in der eigenen Weltregion umschauen. In Asien und Europa ist der größte Teil des Handels bereits intraregional, also innerhalb der einzelnen Regionen. Seit 2011 ist dieser Anteil weiter gestiegen.“

So tragisch der Krieg in der Ukraine auch ist. Er ist nur einer von immer mehr aufflammenden geopolitischen Brennpunkten. Man denke etwa an den Nahen Osten und einige Regionen Asiens. Dazu Mokrane: „Die von der Trump-Administration entfachte Rivalität zwischen den USA und China ist immer noch sehr stark ausgeprägt. Man sollte sich also jetzt nicht zu sehr nur auf die Spannungen zwischen USA und Russland bzw. Westeuropa und Russland fokussieren.

"Sobald eine Lösung in der Ukraine gefunden wird, wird die Rivalität zwischen den USA und China zweifellos wieder die Hauptrolle übernehmen. Unsere Aufgabe ist darüber nachzudenken, was diese Entwicklungen für das weltweite Wirtschaftswachstum bedeutet, für gegenseitige Abhängigkeiten und wo wir in diesem neuen Umfeld die größten Chancen sehen.“

Auch in den massiv gestiegenen privaten und öffentlichen Schulden, die seit der Covid-Pandemie aufgelaufen sind, sieht Mokrane eine disruptive Kraft. „Das schiere Ausmaß dieser Verschuldung wird zunehmend Volatilität auf den internationalen Kapitalmärkten erzeugen. Man darf nicht übersehen, dass sich die Eurokrise 2012/2013 wiederholen könnte – durch Risikospreads in einigen Ländern oder spekulative Angriffe auf einzelne Währungen.“ Eine solche Entwicklung wäre besonders disruptiv, weil es zu Dominoeffekten kommen könnte und dann die Schuldentragfähigkeit insgesamt auf dem Prüfstand stehen könnte. Ohne Frage wäre davon auch der Bankensektor betroffen. Zumindest Banken, die in diesen Märkten agieren. Es könnte zunehmend Kreditgeber treffen, die in diesen Regionen der Welt aktiv sind. Sollte der Interbankenhandel erlahmen, wäre auch die allgemeine Bereitschaft zur Kreditvergabe betroffen. Sowie die Kreditkonditionen.

Auf der anderen Seite gibt es einige sehr ausgeprägte und langfristige stabilisierende Trends, auf denen zum Beispiel das Geschäftsmodell der PATRIZIA fußt, mit weiterhin erheblichen Wachstumschancen. Dazu gehören insbesondere die Langfristtrends Demografie, Urbanisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung.

„Unsere Herausforderung besteht darin, sowohl die stabilisierenden als auch disruptiven Trends zu identifizieren und als Gesamtheit zu betrachten. Zwar ergeben sich dadurch zum Teil widersprüchliche Empfehlungen für unser Business. Aber diese Herangehensweise ist am ehesten geeignet, um den besten Weg in die Zukunft zu finden“, zeigt sich Mokrane überzeugt.

[Translate to Deutsch:]
London, United Kingdom

Mahdi Mokrane

Head of Global Investment Strategy, Research & Investment Solutions

Über den Autor

Mahdi Mokrane ist Leiter der Abteilung Investment Strategy & Research bei PATRIZIA. Er kam 2020 zu PATRIZIA, nachdem er sechs Jahre lang bei LaSalle Investment Management in London tätig war, wo er als Head of European Research and Strategy und Mitglied des European Management Board arbeitete. Vor seinem Wechsel zu LaSalle war er bei AEW Europe tätig, wo er Leiter des Bereichs Research und Strategie und Mitglied des europäischen Investmentkomitees des Unternehmens sowie des globalen Wertpapierallokationskomitees war. Darüber hinaus arbeitete er eng und umfassend an Immobilien-Schuld- und Eigenkapitaltransaktionen sowohl im Vereinigten Königreich als auch auf den kontinentaleuropäischen Märkten.