Ausmass und Dringlichkeit erkennen: Wie wir der Klimaherausforderung an besten begegnen


26 / 10 / 22 - 7 minute read

Ein Gespräch mit Rosemary Addis, Managing Partner von Mondiale Steering Group for Impact Investment und Professorin mit Spezialgebiet Impact, Nachhaltigkeit und Innovation an der University of Melbourne, Australien, über die Herausforderungen der Zukunft – und wie wir sie bewältigen.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf 9,9 Milliarden Menschen anwachsen, wobei voraussichtlich mehr als 70 % der Menschheit in Städten leben werden. Diese werden so vor allem in Sachen Ressourcen, Dienstleistungen und Umweltfragen vor enormen Herausforderungen stehen. Was empfehlen Sie den heutigen und zukünftigen Entscheidungsträgern?

Rosemary Addis: Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind global und werden immer größer. Das hat einschneidende Folgen für unsere Umwelt und unsere Lebensweise. Was wir jetzt und in den nächsten zehn Jahren tun – oder eben nicht – wird über unsere Zukunft entscheiden. Um eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln, brauchen wir zunächst Führungsstärke – eine Governance des 21. Jahrhunderts.

Wir stehen alle gemeinsam an einem Scheideweg. Diejenigen, die jetzt zielgerichtet Verantwortung übernehmen, Chancen erkennen und nutzen, können sich dank Zuversicht und Resilienz
am besten anpassen. Viele kennen den alten chinesischen Fluch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“. Genau solche Zeiten erleben wir gerade. Der Klimawandel, strukturelle Ungleichheit, globale Pandemien und Naturkatastrophen haben offensichtliche Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Entscheidungsträger aus sämtlichen Bereichen
werden später einmal danach bewertet, ob und wie effektiv sie frühzeitig auf all diese Entwicklungen reagiert haben.

Verantwortliche müssen Chancen und Risiken erkennen. Einige von ihnen müssen umdenken und verstehen, dass das, was wir „Impact“ nennen, zukünftig eine höhere Bedeutung haben muss. Sie üssen begreifen, dass das große Thema Nachhaltigkeit auch im Rahmen bisheriger Finanzen einen höheren Stellenwert für langfristige Erfolge bekommen muss. Nahezu jeder Vorstand und jede Führungskraft sollte sich den Wechselbeziehungen zwischen finanziellen, sozialen und ökologischen Faktoren in einem sich schnell ändernden Kontext bewusst
sein und sich eine Volkswirtschaft vor Augen führen, die mitten in einem Transformationsprozess steckt.

Autor

Greg Langley

Die UN-Klimakonferenz in Glasgow und auch die Pandemie haben sehr viel Kapital bewegt. Reicht Geld allein aus, um bei der nächsten Klimakonferenz erste größere Erfolge zu vermelden?

Rosemary: Wir haben letztes Jahr in Glasgow ein Rekordvolumen an Kapitalzusagen gesehen. An der Realisierung hapert es allerdings im Vorfeld der diesjährigen Klimakonferenz. Wir befinden uns an einem kritischen Punkt. Ankündigungen reichen nicht aus. Wir brauchen konkrete Handlungen.

Was die Klimakrise anbelangt, können wir uns weitere Tatenlosigkeit nicht erlauben. Die Billionen US-Dollar, die in ESG-Investitionen fließen, reichen bei Weitem noch nicht aus. Weiterhin fließt im direkten Vergleich noch zu viel Geld in klimaschädliche Aktivitäten. Wenn wir so weitermachen wie bisher, ist dies lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben Nachholbedarf, denn auch die Pandemie hat uns in der Entwicklung zurückgeworfen.

Die Marktbedingungen jedenfalls ändern sich schnell, einschließlich anderer Grundlagen, wie zum Beispiel die Bewertungsmethoden oder Reporting-Standards. Hier haben wir zuletzt die einschneidendsten Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg gesehen, hervorgerufen durch neue Richtlinien wie die des International Sustainability Standards Board sowie Verordnungen wie die Sustainable Finance Disclosure Regulations der Europäischen Union. Die Debatten über Werte und Art der Offenlegung gehen schon in die
richtige Richtung. Auch die Entfernung des ESG-Siegels von über 1.200 Fonds durch die Research-Agentur Morningstar ist wirksam.

All diese Maßnahmen sind jedoch weiterhin nicht ausreichend. Wie sagte schon Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Anders gesagt: Wir müssen vieles von Grund auf neu denken. Der beste Weg, diesen Prozess zu beginnen, wäre es, das Thema „Impact“ ganz oben auf die Agenda zu setzen. Welche Folgen haben wir derzeit? Welche Auswirkungen sind positiv und welche negativ?

Was die Klimakrise anbelangt, können wir uns weitere Tatenlosigkeit nicht erlauben. Die Billionen US-Dollar, die in ESG-Investitionen fließen, reichen bei Weitem noch nicht aus. Weiterhin fließt im direkten Vergleich noch zu viel Geld in klimaschädliche Aktivitäten. Wenn wir so weitermachen wie bisher, ist dies lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein.

Rosemary Addis

Welche Rolle spielen Immobilien beim Klimawandel, also die „bebaute Umwelt“?

Rosemary: Eine wichtige Rolle. Sowohl in Bezug auf Risikomanagementstrategien als auch hinsichtlich direkter Umwelteinflüsse – und damit auch für unsere Zukunft. Laut dem World Green Building Council sind unsere Häuser, Büros, Freizeiteinrichtungen sowie die versorgende Infrastruktur für 40 % der globalen Kohlenstoffemissionen verantwortlich.

Gerade Infrastrukturmaßnahmen sind Langfristprojekte. Also wirken sich auch Fehler, die wir heute beim Aufbau von Infrastruktur machen, auf sehr lange Sicht aus. Selbst das Weltwirtschaftsforum fordert in seinem Framework for the Future of Real Estate Immobilien, die nicht nur Schutz und Komfort bieten, sondern auch energieeffizient, gesundheitlich unbedenklich und widerstandsfähig gegenüber Naturkatastrophen sowie darüber hinaus erschwinglich und gut erreichbar sind.

Ein durchaus anspruchsvoller Katalog – keine Frage. Aber er erinnert uns daran, wo wir eigentlich alle gemeinsam hin wollen. Investoren, Entwickler, Auftragnehmer und Berater spielen eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung dieses transformativen, realen Impacts. Erst ihre Investitionen in Innovationen ermöglichen den Aufbau einer Infrastruktur, die nachhaltig und klimaneutral ist, und die Entwicklung von Städten wie Smart Cities, in denen Menschen gerne leben. 

Wir müssen außerdem die globale Erwärmung stoppen. Dazu brauchen wir einen ganzheitlichen Ansatz beim Betrachten von Immobilien und deren Einfluss auf das Klima. Dabei geht es nicht nur um das Thema Energieeffizienz und Klimafreundlichkeit bei Gebäuden. Schließlich haben auch Baumaterialien wie Beton und Stahl sowie Bauabfälle eine erhebliche Auswirkung auf das Klima.

Es ist dabei von Vorteil, dass Immobilien und Infrastruktur unter Klimaschutzkontext relativ leicht zu verstehen sind. Im Unterschied zu anderen Finanzanlagen sind sie tatsächliche physische Vermögenswerte, die man begutachten und anfassen kann. Zudem haben sie für unser Leben und Arbeiten einen unersetzlichen Nutzen.  Man kann Immobilien messen und bewerten. Es existieren zum Beispiel ausgereifte Methoden zur CO2-Messung bei Gebäuden, selbst, wenn diese noch nicht vereinheitlicht sind. Auch sozialen Faktoren wie das persönliche Wohlbefinden in Gebäuden oder Gesundheitsaspekte wurden umfassend untersucht und können entsprechend gemessen und optimiert werden. Einige Verbesserungen sind kurzfristig umsetzbar, andere vielleicht etwas aufwendiger. Aber alles ist lösbar.

Rosemary ist eine international anerkannte Direktorin und Strategin, die Innovationen und Investitionen vorantreibt für eine größere Wirkung und mehr Nachhaltigkeit. Sie ist geschäftsführende Gründungsgesellschafterin von Mondiale Impact. Das Thema Impact wird in der Agenda für die Führung des 21. Jahrhunderts aufgenommen, sowie Executive Director von Impact Strategist und Enterprise Professor, Faculty of Business & Economics an der University of Melbourne. Derzeit ist sie unter anderem Vorsitzende von Climate Ready Australia 2030 und des Sweef Capital  Board of Advisors, sowie Botschafterin der Global Steering Group for Impact Investment, Mitglied der Steering Group for Innovative Finance der Weltbank und Non-Executive Director Indigenous Business Australia.

Von welchen städtebaulichen Beispielen haben Sie sich inspirieren lassen?

Rosemary:

Im Grunde von allen, die von Menschen und Organisationen entwickelt wurden, die Bisheriges infrage gestellt haben und sich darüber Gedanken machen, was wir besser machen können. Konkret kann ich Ihnen einige Beispiele nennen: Zunächst einmal MIND , also der Milan Innovation District auf dem ehemaligen Mailänder Expo-Gelände, der vom internationalen Immobilien- und Infrastrukturkonzern Lendlease entwickelt wurde. Das Projekt verfolgt das Ziel, eine Art Vorort zu bauen, der in Sachen ökologische und soziale Nachhaltigkeit Vorbildcharakter hat. Dieses Vorhaben wurde zum Benchmark für zahlreiche Entscheidungsträger, Entwickler und Gemeinden und bietet neben neuen Ideen wertvolle Erfahrungswerte.

Ein zweites Vorhaben, das mich sehr inspiriert hat, ist 100 Resilient Cities (100RC), das 2013 von der Rockefeller Foundation im Rahmen ihrer Global Centennial Initiative ins Leben gerufen wurde. Am Beispiel dieser Initiative kann man sehen, wie zielführend eine von mehreren Städten geleitete, regional ausgerichtete und partnerschaftliche gemeinsame Agenda sein kann. Aus dieser Initiative ging das Resilient Cities Network hervor, – ein Netzwerk, das Städten und Kommunen beratend zur Seite steht, den Erfahrungsaustausch fördert und verbindet. Und zwar nicht nur Städte untereinander, sondern auch kommunale Vertreter und den Privatsektor.

Inspirierend ist für mich auch die Arbeit des australischen Bauunternehmens Hesperia, der erste Benefitbzw. B-Corp-zertifizierte Immobilienanbieter überhaupt. Das Unternehmen erfüllt sämtliche Nachhaltigkeitskriterien – von den Angeboten über die Mitarbeiter bis hin zu den Lieferketten. Einige ihrer bahnbrechenden Innovationen sind kohlenstoffarme Baumaterialien sowie groß angelegte strategische Initiativen im Bereich Solar, Regenwasser- und Abwassermanagement. Das Unternehmen erhielt zahlreiche Preise. Eine Einführung dieser Innovationen bei ihren realen Projekten – egal, ob im medizinischen, kommerziellen, privaten oder industriellen Sektor – wurde bereits umgesetzt.

Zu guter Letzt: der Healthy Futures Fund, eine Kooperation zwischen der Kresge Foundation, Morgan Stanley und der Local Initiatives Support Corp, die 2012 ins Leben gerufen wurde. An diesem Vorhaben gefällt mir besonders, dass Investitionen auf bereits vorhandenen Gegebenheiten basieren. Kernthemen sind hier überwiegend bezahlbarer
Wohnraum, die Gesundheitsversorgung und damit in Zusammenhang stehende Dienstleistungen. Zahlreiche Evaluierungen haben gezeigt, dass die seinerzeit in den Wohnungsbau investierten 180 Millionen US-Dollar besonders Menschen mit geringem Einkommen zugutekommen und einen verbesserten Zugang zu Gesundheits- und Sozialdiensten
ermöglichen. Auf anderem Weg wäre dies kaum möglich gewesen.

Sie sagen, wir stehen derzeit am Scheideweg. Welche besonderen Fähigkeiten braucht es jetzt, um proaktiv zu führen?

Rosemary: Die bislang auf den Weg gebrachten Innovationen und Verbesserungen zeigen, was möglich ist – und was noch zu tun ist. Unternehmen wie PATRIZIA, die ihr selbst gestecktes Netto-Null-Ziel bis 2050 sehr ambitioniert verfolgen und Verbesserungen im Immobiliensektor engagiert vorantreiben, haben noch einen längeren Weg vor sich, um diese Ziele zu erreichen. Die Wissenschaft ist sich hinsichtlich des Klimawandels einig. Und auch die Berichte des Weltklimarats sprechen eine klare Sprache. Die Klimarisiken verstärken
sich gegenseitig zunehmend und hängen alle zusammen.

Unsere Institutionen und Verantwortlichen laufen Gefahr, zu spät und nicht konsequent genug zu handeln. Die Herausforderung ist gewaltig und dringlich. Wir dürfen unser Ziel nicht aus den Augen verlieren und müssen in größeren Zusammenhängen denken. Zum Teil müssen wir auch die Art und Weise, wie wir die Dinge angehen, neu denken.

Die Vision, hinter der alle stehen können, sollte dabei klar sein: Wohlstand für alle durch ein gemeinsames Wirtschaften unter Einbeziehung sozialer Komponenten. Die Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erlernen, neue Industriezweige aufzubauen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und Städte zu errichten, die nachhaltig und lebenswert sind. Wenn nicht jetzt, wann dann?