22@ - ein Testgelände für die digitale Welt


13 / 06 / 22 - 10 minute read

Wenn man in den 1990er Jahren als Graffiti-Fan nach Barcelona kam, war El Poblenou die erste Anlaufstelle. Einst ein blühendes Industrieviertel im 19. Jahrhundert, war Poblenou die ideale Leinwand für Spraydosen-Künstler. Zwischen 1970 und 1990 schlossen etwa 1300 Unternehmen, so dass das Viertel mit verlassenen Gebäuden übersät war.

Poblenou spiegelt die allgemeine Malaise von Barcelona wider. Die katalanische Hauptstadt, die lange Zeit ein kulturelles Zentrum war, das für seinen Einfallsreichtum und seine Innovation berühmt war - man denke nur an den Architekten Antoni Gaudí und die Maler Joan Miró und Pablo Picasso -, hatte schwere Zeiten hinter sich. Die Wirtschaft stagnierte, die Arbeitslosigkeit war hoch, der Hafen heruntergekommen und der Strand ein mit Müll gefüllter Streifen, der von schmutzigem Wasser umspült wurde.

Doch Barcelona nutzte die Gelegenheit der Olympischen Spiele 1992, um sich neu zu erfinden. Neue Infrastrukturen, umgestaltete Stadtviertel, grünere Parks und ein neuer, zwei Kilometer langer Sandstrand öffneten die Stadt für das Mittelmeer. Die Wiederbelebung machte Barcelona wieder zu einem touristischen Ziel, das man unbedingt besuchen muss.

Und Poblenou? Hier befindet sich 22@Barcelona, ein Viertel voller innovativer Start-ups, Forschungszentren und internationaler Unternehmen, das regelmäßig als Musterbeispiel für die städtische, wirtschaftliche und soziale Erneuerung angepriesen wird.

Regeneration durch Technologie

Ein Großteil der Renaissance Barcelonas basiert auf IoT-Systemen (Internet der Dinge). Barcelona, das von der Rezession 2008 schwer getroffen wurde, setzte auf Technologie, um einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Ab 2012 setzte die Stadt im Rahmen eines Plans für eine intelligente Stadt Barcelona reaktionsfähige Technologien in den Bereichen öffentlicher Verkehr, Parken, Straßenbeleuchtung und Abfallwirtschaft ein.

So führte beispielsweise die Umstellung auf ein energieeffizienteres LED-Beleuchtungssystem zu Kosteneinsparungen. Sensoren in den Laternenpfählen erkennen auch, wenn sich Fußgänger in der Nähe befinden, und dimmen automatisch, wenn die Straßen leer sind, um weiter Energie zu sparen. Darüber hinaus sind die Laternenmasten Teil eines Wi-Fi-Netzes, das einen stadtweiten, kostenlosen Internetzugang bietet, und sind in Sentilo integriert, ein System von 19 500 intelligenten Zählersensoren, die Daten über Wetter, Verschmutzung und Lärm empfangen.

Die IoT-Geräte überwachen auch Regen, Luftfeuchtigkeit und Bodenfeuchte in den städtischen Gärten. Anhand der Daten programmieren die Gärtner aus der Ferne die benötigte Bewässerung und geben sie über Elektroventile ab. Dies hat zu Einsparungen von rund 555 000 Dollar pro Jahr geführt.

Für Autos hat Barcelona Sensoren in den Asphalt eingelassen, die erkennen, ob eine Parkbucht besetzt ist. Die Autofahrer werden über ApparkB, eine App, die die Online-Bezahlung von Parkgebühren ermöglicht, zu den Parkplätzen geleitet. Dies hat zu weniger Staus und Emissionen geführt. Doch die Innovationen gehen weiter. Intelligente pneumatische Mülleimer reduzieren Gerüche. Mit Solarzellen betriebene interaktive Bushaltestellen sind mit dem Wi-Fi-Netz verbunden, bieten USB-Ladestationen und aktuelle Informationen über den Standort der Busse ... und es gibt noch viel mehr.

 

Im 22@-Viertel ist man in ein Ökosystem von Innovation und Unternehmertum eingetaucht. Und man hat ständig das Gefühl, dass man ein Teil davon ist.

Enric Peig, Professor von dem Department of Information and Communication Technologies in Pompeu Fabra University.

Wissen in der Nachbarschaft

Im Jahr 2000 wurden 230 Millionen Dollar für die Förderung der Technologiebranche in Barcelona bereitgestellt. Zweiundzwanzig Hektar von Poblenou sollten zu einem Innovationsviertel umgestaltet werden. Der neue Name war Programm. Während die frühere Gebietseinteilung 22a (Industrie) lautete, war die neue Vision 22@ - ein Testgelände für die digitale Welt.

Wissen in der Nachbarschaft

Im Jahr 2000 wurden 230 Millionen Dollar für die Förderung der Technologiebranche in Barcelona bereitgestellt. Zweiundzwanzig Hektar von Poblenou sollten zu einem Innovationsviertel umgestaltet werden. Der neue Name war Programm. Während die frühere Gebietseinteilung 22a (Industrie) lautete, war die neue Vision 22@ - ein Testgelände für die digitale Welt.

Wenn Sie das Viertel heute besuchen, ist jedes neue Graffiti, das Sie sehen, wahrscheinlich ein Auftragswerk eines renommierten lokalen Künstlers wie El Pez oder Sixeart, das von einem der Design-, Energie-, Medien- und wissenschaftlichen Forschungsunternehmen stammt, die 22@ jetzt ihr Zuhause nennen. Das Dreieck zwischen der Strandpromenade, der Calle Diagonal und dem Ciutadella-Park ist eine Brutstätte der Innovation. Fünf Universitäten und akademische Einrichtungen sind hier vertreten, und Coworking Spaces, Inkubatoren und Start-ups gibt es in Hülle und Fülle.

"Im 22@-Viertel ist man in ein Ökosystem aus Innovation und Unternehmertum eingetaucht. Und man hat ständig das Gefühl, ein Teil davon zu sein", sagt Enric Peig, Professor am Fachbereich Informations- und Kommunikationstechnologien der Universität Pompeu Fabra. "Das bedeutet, dass alle Ihre Aktivitäten von dieser Arbeitsweise durchdrungen sind. Darüber hinaus ist das Leben in der Nachbarschaft integriert, und das ist meiner Meinung nach ein besonderes Merkmal".

 

Zu den anwesenden namhaften Unternehmen gehören Amazon, HP, T-Systems, Ricoh, Schneider Electric und VICE Media. Sergio Ruiz, CEO der Signaturit Group, einem Unternehmen für elektronische Signaturen, sagt, dass die Entscheidung, sich in Poblenou niederzulassen, leicht fiel.

"Hier kann man wirklich Innovation und Technologie atmen", erklärt er. "22@ ist eine Drehscheibe, die es uns ermöglicht, mit anderen Technologieunternehmen in Kontakt zu treten und Innovationen zu fördern. Dies ermöglicht die Entwicklung neuer Möglichkeiten in unserem Geschäft. Es ist das ideale Ökosystem für Synergien".

Auch andere Unternehmen haben sich in diesem Gebiet angesiedelt. Typeform, ein spanisches Unternehmen für die Erstellung von Online-Formularen, wurde im Jahr 2012 gegründet. Typeform beschäftigt heute 300 Mitarbeiter und hat einen weltweiten Kundenstamm.

Ein Schlüssel zum Erfolg von 22@ ist das Barcelona Urban Lab, eine Regierungsbehörde, die die Nutzung öffentlicher Flächen für Unternehmen zur Erprobung von Pilotprodukten und -dienstleistungen beschleunigt. Das Labor war eines der ersten seiner Art, und viele Innovationen, die in ganz Barcelona eingeführt wurden, wurden zuerst in Poblenou getestet.

Ein erfolgreiches Unternehmen ist Urbiotica, das als erstes mit Sensoren für die Abfallwirtschaft experimentierte und diese in Behältern entlang von 22@ Straßen installierte, um den Füllstand der öffentlichen Behälter zu messen und die Müllabfuhr effizienter zu gestalten. Worldsensing ist ein weiteres Unternehmen, das inzwischen die Welt erobert hat. Es testete Fastprk, ein Parksystem. Barcelona entschied sich schließlich für seine eigene ApparkB-App, aber die IoT-Technologie von Worldsensing wird jetzt im Bauwesen, im Bergbau, im Schienenverkehr und in der strukturellen Gesundheitsbranche eingesetzt. Laut Barcelonas Amt für Wirtschaftswachstum haben 90 % der Start-ups auf der Grundlage ihres Pilotprojekts ein Unternehmen gegründet.

Schätzungen zufolge haben sich seit dem Jahr 2000 4500 neue Unternehmen in Poblenou angesiedelt. Davon sind 47 % Neugründungen und 31 % Technologie- oder wissensbasierte Unternehmen. Bevor COVID-19 zuschlug, wurden etwa 56 000 Talente aus dem Technologiebereich in das Gebiet gelockt und schätzungsweise 150 000 Arbeitsplätze geschaffen.

Doch Poblenou ist weit davon entfernt, ein Geschäftsviertel zu sein, in dem nachts das Licht ausgeht. Die Sanierung sollte nicht auf dem Rücken der Anwohner ausgetragen werden. Vielmehr sollte 22@ zu einem attraktiven Wohngebiet werden. Dazu gehörten der Bau von 4000 Sozialwohnungen, die Schaffung neuer Grünflächen, die Neugestaltung von Straßen und die Bereitstellung von Einrichtungen für die Öffentlichkeit, wie Schulen und Gemeindezentren.

Dafür war die Unterstützung des Immobiliensektors von entscheidender Bedeutung. Um gebildete Fachkräfte, technikbegeisterte Arbeitnehmer und andere Kreative anzulocken, brauchten sie Büro- und Wohnräume. Bis 2011 wurden 139 Pläne für die Stadtsanierung eingereicht, 84 davon aus dem privaten Sektor.

Was uns auffiel, waren nicht nur die wirtschaftlichen und demografischen Grundlagen. Es ging auch darum, dass die Menschen dort leben wollen, dass die Universitäten expandieren und dass 22@ zunehmend als "intelligente Stadt" angesehen wird. Wir wollten ein Teil davon sein, wenn Barcelona die nächste Stufe erreicht.

Eduardo de Roda, PATRIZIA Country Manager, Iberia

"Was uns auffiel, waren nicht nur die wirtschaftlichen und demografischen Grundlagen. Es war auch die Tatsache, dass die Menschen dort leben wollen, dass die Universitäten expandieren und dass 22@ zunehmend als 'Smart City' angesehen wird", sagt Eduardo de Roda, PATRIZIA Country Manager für Iberia. "Wir wollten ein Teil davon sein, wenn Barcelona die nächste Stufe erreicht.

PATRIZIA konzentriert sich auf Innovationstechnologien in der Immobilienbranche und war daher sehr daran interessiert, sich für Poblenou zu entscheiden. Im Auftrag von Kunden hat PATRIZIA in fünf Büro- und Wohngebäude investiert. Bei zwei davon handelt es sich um Umnutzungen alter Industrieflächen, wobei das Ziel darin besteht, nachhaltige Gebäude zu schaffen, die die sich verändernde lokale Umgebung widerspiegeln.

"Obwohl 22@ eines der größten Stadterneuerungsgebiete in Europa ist, besteht immer noch ein großer Mangel an erstklassigen Büroflächen. Wir wollen diese Nachfrage befriedigen", sagt de Roda.

Wenn man durch die Straßen von Poblenou geht, trifft man auf ein lebendiges Viertel mit halb böhmischem und halb kybernetischem Charakter. Die Rambla del Poblenou, die Promenade, die das Viertel bis zum Meer durchzieht, wurde mit Restaurants, Kleinbrauereien und Geschäften neu belebt. In den Seitenstraßen tummeln sich alternative Kunstgalerien, Werbeagenturen, Architekturbüros, Tanzgruppen und Designer-Showrooms, die den Ruf des Poblenou als Barcelonas cooles neues Viertel begründen.

PATRIZIA konzentriert sich auf Innovationstechnologien in der Immobilienbranche und war daher sehr daran interessiert, sich in Poblenou zu engagieren. Im Auftrag von Kunden hat PATRIZIA in fünf Büro- und Wohngebäude investiert. Bei zwei davon handelt es sich um Umnutzungen alter Industrieflächen, wobei das Ziel darin besteht, nachhaltige Gebäude zu schaffen, die die sich verändernde lokale Umgebung widerspiegeln.

"Obwohl 22@ eines der größten Stadterneuerungsgebiete in Europa ist, besteht immer noch ein großer Mangel an erstklassigen Büroflächen. Wir wollen diese Nachfrage befriedigen", sagt de Roda. 

Wenn man durch die Straßen von Poblenou geht, trifft man auf ein lebendiges Viertel mit halb böhmischem und halb kybernetischem Charakter. Die Rambla del Poblenou, die Promenade, die das Viertel bis zum Meer durchzieht, wurde mit Restaurants, Kleinbrauereien und Geschäften neu belebt. In den Seitenstraßen haben alternative Kunstgalerien, Werbeagenturen, Architekturbüros, Tanzgruppen und Designer-Showrooms den Ruf des Poblenou als Barcelonas cooles neues Viertel gefestigt.

Leyre Soto zog nach einem Angebot eines Softwareentwicklungsunternehmens ins 22@. "Jeden Tag entdecke ich eine Veränderung. Es ist ein sehr dynamisches und aufstrebendes Viertel. Ich habe oft Lust, meine Kamera zu zücken, um seine Entwicklung zu fotografieren.

Sie liebt die Lage am Meer, die Tatsache, dass sie überall mit dem Fahrrad hinfahren kann, die Treffen nach der Arbeit, bei denen sich Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmen treffen, und die Architektur. 

"Es gibt in ganz Barcelona kein anderes Viertel, in dem sich klassische Architektur mit modernen und angepassten technischen Gebäuden mischt. Ich liebe die Koexistenz von Tradition und Moderne".

Es ist sicherlich eine eklektische Mischung. Modernistische Bauten wie der röhrenförmige Torre Glòries und das Designmuseum von Barcelona stehen im Vordergrund, aber es wurden auch erhebliche Anstrengungen unternommen, um das Erbe zu erhalten. Cisco investierte 30 Millionen Dollar in die Entwicklung eines Co-Innovationszentrums in einer ehemaligen Textilfabrik, das sich auf das Internet of Everything (IoE) konzentriert. Eine Künstlerkolonie befindet sich in Palo Alto, und der Kommunikationscampus der Universität Pompeu Fabra sowie das Museum Fundació Vila Casa sind in renovierten Textilfabriken untergebracht.

Ruiz sagt, dass Signaturit einen Umzug in Erwägung zieht, aber innerhalb von 22@ bleiben wird. "Ich hatte Angebote in der Nähe des Zentrums von Barcelona zu niedrigeren Mietpreisen, habe sie aber verworfen", sagt er. "Unsere Präsenz hier hilft, Talente anzuziehen. Die Mitarbeiter freuen sich darauf, hier zu leben. Das Wetter, der Komfort und die Nähe zum Meer machen 22@ zu einem großartigen Ort zum Arbeiten.

Ich hatte Angebote in der Nähe des Zentrums von Barcelona zu niedrigeren Mieten, aber ich habe sie verworfen. Unsere Präsenz hier hilft, Talente anzuziehen. Die Mitarbeiter freuen sich darauf, hier zu leben. Das Wetter, der Komfort und die Nähe zum Meer machen 22@ zu einem großartigen Ort zum Arbeiten.

Sergio Ruiz, CEO of the Signaturit Group

Ständige Unterbrechung

Nur wenige Städte tragen das Label "Smart City" so stolz wie Barcelona. Aber Barcelona ruht sich nicht auf seinem Erfolg aus. Im November 2020 jährt sich das Projekt 22@ zum 20. Mal und bietet die Gelegenheit, seine Ausrichtung neu zu überdenken. Die Stadtverwaltung möchte das Viertel für grüne Unternehmen öffnen. Es ist mehr Platz für Mietwohnungen vorgesehen. Im ursprünglichen Plan war eine Zahl von 9300 vorgesehen. Nach den neuesten Plänen sollen es rund 15.800 Wohnungen sein.

"Es ist die Mischung der Nutzungen, die uns an 22@ gefällt", erklärt de Roda. "Wie die Büro- und Wohnflächen das Viertel neu beleben und einen neuen, dynamischen und überzeugenden Lebensstil schaffen. Das macht den Reiz für die Kreativen aus und wird dafür sorgen, dass es sie auch weiterhin in dieses Gebiet zieht."

 

 

Image credits: istock - Overview Poblenou (anekoho) Poblenou Ramblas (venakr) Drummers (MarcoZouvek)