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Süße Belohnung

Anfang dieses Jahres haben rund 20.000 „Neuankömmlinge“ ihre Unterkunft im Gebäude The Oval in Dublin bezogen – und fühlen sich dort weiterhin pudelwohl

Eine urbane Imkerei mitten im Büroviertel von Dublin

Seit April befinden sich auf der Rückseite des Oval, einem von PATRIZIA gemanagten Gebäude im Dubliner Geschäftsviertel Ballsbridge, zwei Bienenstöcke. Von dort aus sammeln zahlreiche fleißige Helfer im Umkreis von drei Kilometern jeden Tag Nektar und Pollen. Zu ihrem „Arbeitsgebiet“ gehört unter anderem der nahe gelegene Herbert Park, die Uferbereiche des Flusses Dodder sowie einige Blumenkästen der umliegenden Nachbarschaft.

Die Idee zur Ansiedlung der Bienen kam von Ciarán McDonnell und Alison O’Neill, beide angestellt beim Immobilienmanager Knight Frank, und wurde von David Egan, Associate Director of Asset Management bei PATRIZIA, in die Tat umgesetzt. So entstand im selten genutzten, hinteren Bereich des Oval-Gebäudes ein regelrechter Bienengarten. Die Bienenstöcke stehen stabil auf zwei extra dafür errichteten Fundamenten. Darüber hinaus wurde ein eigener Zugangsweg angelegt sowie mehrere dekorative Zäune errichtet.

„Dieser Bereich bot sich aus unserer Sicht perfekt für diese Nutzung an. Schon wegen des naheliegenden Flussufers“, erläutert David Egan das Vorhaben. "Mit überschaubarem Aufwand konnte so dieser gesamte Landschaftsbereich aufgewertet werden."

Eine lebendige Bienen-Gemeinschaft

Urbane Imkereien liegen seit Jahren im Trend. In Großbritannien zum Beispiel findet man Bienenstöcke inzwischen sogar auf den Dächern so berühmter Gebäude wie der St. Paul's Cathedral in der City of London, der Londoner Börse, dem Nobel-Kaufhaus Fortnum & Mason sowie dem schottischen Parlamentsgebäude in Edinburgh. In den USA schmücken zahlreiche Bienenstöcke u.a. das New Yorker Whitney Museum of Modern Art, die Harvard University, die Brooklyner Werft Navy Yard, die Minneapolis City Hall sowie die Terrassen des Waldorf-Astoria Hotels an der Park Avenue. Auch in Paris kann man die fleißigen Tierchen seit über 35 Jahren auf den Dächern der Opéra Garnier im 9. Arrondissement bei ihrer Arbeit bewundern.

Rose Breslin erntet im September 2020 den ersten Honig der Oval-Bienenstöcke

Ins Rollen gebracht haben diese Entwicklung besorgniserregende Meldungen über eine besonders auffällige Form des Bienensterbens, der sog. Colony Collapse Disorder (CCD) – und die möglicherweise fatalen Auswirkungen auch auf die Landwirtschaft. Laut den Vereinten Nationen hängt die weltweite Ernährung zu etwa einem Drittel von der Bestäubung durch Bienen ab. Aktuellen Schätzungen zufolge gingen bereits zwischen 2007 und 2013 weltweit mehr als 10 Millionen Bienenvölker zugrunde - beinahe doppelt so viele wie in den Jahren zuvor.

Das drohende Bienensterben animierte zahlreiche Bürger, Unternehmen und Gemeindeverwaltungen, neue Bienenpopulationen aufzubauen. Aber ist diese Entwicklung auch gut für die Honigbienen selbst?

London hat inzwischen die höchste Dichte an Bienenpopulation aller europäischen Städte. Mönche hatten vor Jahrtausenden mit dem Aufbau von Imkereien begonnen und nutzten das Bienenwachs zur Herstellung von Kerzen, Honig und Met. In der Neuzeit verdreifachte sich der Bienenbestand innerhalb der vergangenen Dekade in der britischen Hauptstadt. Bis 2019 wurden in Londoner Gärten und auf Häuserdächern über 5.500 Bienenstöcke gezählt, mit zum Teil bis zu zehn Stöcken auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: Der Landesdurchschnitt in England beträgt ungefähr ein Bienenstock pro Quadratkilometer.

Dieser urbane Boom hat jedoch inzwischen einen fragwürdigen Punkt erreicht. Gibt es im Großraum London überhaupt ausreichend nutzbares Grün, um diese stark wachsenden Populationen zu ernähren und einen allzu heftigen „Pollen-Wettbewerb“ zwischen den einzelnen Kolonien zu vermeiden?

"Zum Glück haben wir diese Probleme im Oval-Gebäude nicht", weiß Ciarán McDonnell zu berichten. „Vor der Ansiedlung machten wir uns bei einer Imkerberatungsstelle schlau. Uns wurde bestätigt, dass dieser Ort schon aufgrund der Ufer und umliegenden Blumenbeete geradezu ideal für die Bienen sei. Es gibt ausreichend Raum für weiteres grünes Wachstum und Wildnis. Eine Bedrohung der Bienen durch andere Tierarten ist ebenfalls unwahrscheinlich. Zudem ist die Dichte an urbanen Bienenstöcken in Dublin weiterhin überschaubar.“

Von wegen nur Bestäuber

Die Imkerin, die das Projekt leitet, heißt Rose Breslin und ist Sekretärin bei der County Dublin Beekeepers' Association. Nach ihrer Pensionierung als Lehrerin 2011 fand sie als Bienenschützerin eine neue Berufung und erklärt – für einige überraschend -, dass sich Bienen üblicherweise in nicht landwirtschaftlich genutzten Gebieten wie hier in Dublin am wohlsten fühlen. Ganz einfach weil dort die Anzahl von Pestiziden gering ist und Besprühungen eher selten. Außerdem ist das Angebot an Blumen und Nährstoffen vielfältiger. Diese Bienen haben es also besser als ihre Artgenossen auf dem Land oder gar in der Nähe von Monokulturen, wo deutlich schwierigere Lebensbedingungen herrschen.

Die Bienen im Oval – allesamt heimische, irische Honigbienen (Apis mellifera mellifera) - stammen aus Roses eigenen Bienenstöcken. Über viele Jahre hinweg waren sich Wissenschaftler sicher, dass diese Art längst ausgestorben sei und Krankheiten anheim fiel, die durch importierte fremde Bienenstöcke verursacht wurden. Tatsächlich aber überlebten die einheimischen schwarzen Bienen dank Tierschützern wie Rose und ihr Bestand erholte sich zuletzt.

Bienen sind nicht nur wegen ihrer Bestäubung nützlich. Sie tragen auch zum Erhalt der in Großstädten üblichen Dachbegrünungen bei. Letztendlich verbessern sie in geringem Umfang sogar die sog. LEED-Bewertung (Leadership in Energy and Environmental Design) eines Gebäudes. LEED ist bekanntlich ein vom United States Green Building Council entwickeltes Gütesiegel für ökologisches Bauen.

Dachbegrünungen ermöglichen eine intelligente Regenwasser-Bewirtschaftung, sind ein Siedlungsbiotop und verbessern die urbane Luftqualität. Ein bekanntes Beispiel ist der 51-stöckige Bank of America-Tower in Manhatten, der laut New York Times ebenfalls Bienenstöcke auf dem Dach beherbergt. Das knapp 560 Quadratmeter große Gründach hat maßgeblich dazu beigetragen, die LEED-Klassifizierung in Platin zu erhalten – und damit die höchstmögliche Bewertung. Dank der beiden Bienenstöcke bleibt diese ökologisch wertvolle Sedum-Dachbegrünung erhalten.

Diesen September erntete Rose Breslin den ersten Honig aus ihren Bienenstöcken im Oval. Der Ertrag: 60 Honiggläser, die an die 15 Mieter des Gebäudes verteilt wurden.

"Der Honig ist aromatisch, dunkel und etwas ganz Besonderes", bestätigt Ciarán McDonnell. „Ich fühlte mich gleich an meine erste Schnapsverkostung erinnert - und dieses einzigartige Prickeln im Hals. Auch der Geschmack des Honigs ist nicht übertrieben intensiv, aber besitzt einen Hauch von Würze und ist alles andere als zu süß. Einfach nur sehr, sehr lecker.“