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Eine passive Revolution?

Bestehende Gebäude verursachen zwischen 40 und 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in der europäischen Union. Könnte das deutsche Konzept des "Passivhauses" die Lösung für nachhaltigen Wohnungsbau sein?

Zeit passiv zu sein

Der Menschheit gelang es schon immer durch Innovationen enorme Fortschritte und atemberaubende Entwicklungensprozesse in Gang zu setzen. Aus dem ersten Steinzeitfeuer wurden Jahrhunderte später jene Stichflammen, die die Hochöfen aus der Anfangszeit der industriellen Revolution befeuerten. Die Erfindung des Rads revolutionierte damals die Landwirtschaft auf der ganzen Welt. Heute finden Räder Verwendung bei Robotern, die immer mehr unsere Arbeitsweise und unser Leben verändern. Und aus den ersten altertümlichen Schriften entstanden jene 2,5 Billionen Bytes an Daten, die tagtäglich via Internet übertragen werden.

„Trial and error“ war schon immer jenes Grundprinzip, dessen sich unsere Wissenschaftler, Unternehmer und Führungskräfte seit Beginn der Menschheitsgeschichte bedienten, um nach neuen Wegen zu suchen. Und die Entwicklung ganzer Gesellschaften voranzutreiben. Fortschritte in Medizin, Hygiene und Ernährung haben die Lebenserwartung des Menschen von in der Römerzeit 25 Jahren auf heute - in vielen Industrienationen - über 80 Jahre erhöht. Solche eindrucksvollen Entwicklungen in unzähligen Bereichen als Ergebnis menschlicher Anstrengungen sind nicht nur höchst wünschenswert, sondern in vielen Fällen geradezu notwendig oder sogar existenziell.

Allerdings haben auch soziale und gesellschaftliche Fortschritte einen Preis. Bereits seit Jahrzehnten ist bekannt, dass wir weltweit auf Kosten unserer Umwelt arbeiten, wirtschaften und leben. Auch zur Lösung solch existenzeller Fragen wie Klimawandel oder Artensterben kann es nur eine richtige Antwort geben: Innovationen. Die Schlüsselworte lauten saubere

Energieerzeugung, grüne Technologie und nachhaltige Prozesse. Der Weg dorthin folgt – wie immer - einem altbekannten Muster: am Anfang jeder Innovation stehen Ideen und Konzepte, denen eine Mehrheit zunächst kritisch gegenübersteht. Erst wenn eine Gesellschaft mehrheitlich die Notwendigkeit zur Veränderung verstanden hat kommen Prozesse in Gang, die die gesamte Menschheit weiterbringen können. Auch im Bereich Konstruktion werden solche innovativen Konzepte früher oder später den großen Unterschied ausmachen.

Das ist der Weg, den wir gehen. Im Grunde wird es irgendwann nur noch Passivhäuser geben, es ist nur eine Frage, wie lange wir brauchen, um dorthin zu gelangen.

Asif Din, Sustainability Director des Global Architecture and Design Unternehmens Perkins & Will

„Passiv“ ist normalerweise kein Wort, das man mit Innovation in Verbindung bringt. Das aus Deutschland stammende Konzept des Passivhauses wird jedoch von zahlreichen Experten als die Zukunft beim nachhaltigen Wohnen eingeschätzt. Tatsächlich stufen immer mehr Architekten und Entwickler den sog. Passivhausstandard als neues Benchmark bei Planung und Bau umweltfreundlicher Gebäude ein. Die Passivhausidee entstand bereits in den 1990er Jahren. Auch in Fachkreisen sprach sich schnell herum, dass hierdurch enorme Einsparungen beim Heizen und Kühlen von Gebäuden erzielbar sind. Trotzdem setzte sich die Idee bis heute nicht durch. Weltweit wurden bislang lediglich rund 60.000 Passivhäuser erstellt, die meisten davon in europäischen Ländern.

Energieverbrauch senken

Was genau versteht man unter einem Passivhaus und ist diese Art des Bauens als Geschäftsmodell skalierbar? Im Prinzip handelt es sich um ein Gebäudekonzept, das nach strengen energieeffizienten Konstruktionsstandards erstellt wird, um eine nahezu konstante Temperatur im Innern eines Gebäudes aufrechtzuerhalten. In erster Linie soll beim Passivhaus durch Abdichtung weniger Energie als üblich verbraucht werden. Im Unterschied hierzu wird bei sog. klimaneutralen Gebäuden das Konzept verfolgt, den Energieverbrauch durch Energieeffizienz und saubere Energieerzeugung niedrig zu halten. Die meisten Gebäude geben Wärme ab vergleichbar einem Sieb. Kein Wunder also, dass Gebäude nahezu 40% des gesamten Energieverbrauchs in der Europäischen Union verursachen. Beim Passivhaus wird eine innovative Konstruktion genutzt, um Gebäude auf optimalen Temperaturen zu halten und hierdurch Energie einzusparen. Zum Einsatz kommt eine besondere Wärmedämmung, die die Bildung von Wärmebrücken nahezu ausschließt. Die Gebäudehülle wird weitgehend luftdicht, um Wärmeverlusten über Fugen und Ähnliches in Wänden, Dächern und Böden vorzubeugen. Gleichzeitig wird eine Ausstattung mit erneuerbaren Energiequellen wie Sonnenkollektoren und Wärmepumpen problemlos möglich. Darüber hinaus kommt bei Passivhäusern ein Wärmerückgewinnungs-Lüftungssystem zum Einsatz, das eine konstante Versorgung mit frischer, erwärmter oder gekühlter Luft gewährleistet. Einströmende Luft wird dabei gefiltert und die maximale Wärmeenergie der zurückgewiesenen Luft zurückgewonnen.

Im Fokus der Investoren

Auch immer mehr Investoren verfolgen die Entwicklungen beim Passivhaus mit großem Interesse, weil im Immobiliensektor am Bau umweltfreundlicher Gebäude kein Weg mehr vorbei führt. Beim Pariser Klimaabkommen 2015 haben sich mehrere Metropolen der Welt dazu verpflichtet, ihren Gebäudebestand bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Ein Blick auf den derzeitigen europäischen Wohnungsmärkte zeigt, dass man zur Erreichung dieser anspruchsvollen Klimaziele an Konzepten wie dem Passivhaus zukünftig kaum mehr vorbei kommt. Derzeit existieren in Europa lediglich 30.000 Passivhaus-Gebäude, von denen allerdings nur rund 1.600 nach Angaben der International Passive House Association zertifiziert sind. Entsprechende Offsite-Infrastruktur-Planungen  könnten diese Zahlen zeitnah nach oben schnellen lassen. In Deutschland stehen die meisten Passivhäuser bislang in Hannover, Heidelberg und Frankfurt. Die Stadtverwaltung Heidelberg hat den Passivhausstandard für die gesamte Entwicklung im Stadtteil Bahnstadt verbindlich vorgeschrieben und diesen Bezirk inzwischen zu einem der größten Passivhausstandorte der Welt werden lassen. Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs sollen in Heidelberg-Bahnstadt zukünftig 5.500 Menschen wohnen und und Büros für 7.000 Mitarbeiter entstehen

Das mit 88 Metern höchste Passivhaus der Welt umfasst 32 Stockwerke und befindet sich in Spanien: im Bilbaoer Viertel Bolueta. Brüssel weist inzwischen über eine Million „Passivhaus-Quadratmeter“ aus. Bereits seit 2015 hat das Passivhaus in der amtlichen Bauverordnung der belgischen Hauptstadt eine Sonderstellung und gilt als Referenzstandard für Neubauten und Untergrund-Sanierungen. Weitere in Europa bekannte Passivhaus-Gebäude sind der Raiffeisenturm in Wien und das erste Passivhaus-Hochhaus der Welt: der erweiterte Hochhausblock in der Bugginger Straße im badischen Freiburg.

Das Passivhaus-Konzept findet auch in Großbritannien immer mehr Anhänger. Ein Verantwortlicher für Nachhaltigkeitsfragen bei einem globalen Vermögensverwalter verriet erst vor Kurzem, dass sein Unternehmen über die Auflage eines britischen Fonds nachdenke, der ausschließlich in Passivhaus-Objekten investiert sein wird. Und weiter: „Wir machen uns derzeit Gedanken darüber, wie man das Passivhaus-Konzept aus Deutschland auf Großbritannien übertragen könnte. Wir alle sind weltweit dem Bewahren unserer Umwelt verpflichtet. Wir können nicht weitermachen wie bisher, wenn wir auch in Zukunft erfolgreich sein wollen. Einerseits haben wir neue Regulierungen zu beachten, andererseits erwarten Investoren von uns weitere Schritte in Richtung Nachhaltigkeit.“

Nicht zuletzt Investoren haben erkannt, dass Passivhäuser sowohl für Vermieter als auch Mieter zu erheblichen Kosteneinsparungen führen können. Und er fährt fort: „Durch die Erhebung einer Pauschalmiete können wir energieeffizientere Gebäude bauen und dauerhafte Energieeinsparungen erzielen. Die gesamte Versorgung wird von uns bereitgestellt werden. Mieter profitieren von zahlreichen Skaleneffekten und wir von einer höheren Wirtschaftlichkeit. Immer mehr Stadtverwaltungen in Großbritannien haben die Passivhaus-Bauweise für sich entdeckt und versprechen sich deutliche Einsparungen bei Energie und allgemeinen Kosten. Der Stadtrat von York zum Beispiel plant einem aktuellen Bericht zufolge, in den kommenden fünf Jahren mehr als 600 Passivhaus-Häuser mit Heizkosten in Höhe von nur 60 GBP pro Jahr für die Bewohner zu erstellen. Die Stadtverwaltung der südwestenglischen Stadt Exeter wiederum hat bereits über 100 Passivhaus-Häuser planen und bauen lassen.

Ausblick: jedes Haus ein Passivhaus

Die Nachfrage nach Passivhäusern zieht an. Konsequenterweise setzen sich immer mehr Architekturbüros in Großbritannien für Passivhaus-Konzepte ein. Chris Morgan vom schottischen Büro John Gilbert Architects gab erst vor Kurzem bekannt, dass seine Firma eine Wissenstransfer-Partnerschaft eingehen wird mit dem Ziel, den Passivhaus-Entwurfsprozess zu modularisieren. Bei diesen sog. KTP-Programmen (Knowledge Transfer Partnerships) werden britische Unternehmen durch wissenschaftliche Berater unterstützt. Durch eine höhere Anzahl an Innovationen soll auf diesem Weg ein höheres Wachstum erzielt werden. Morgan weiter: "Wir haben Hunderte von Passivhaus-Gebäuden in Planung und arbeiten an der Entwicklung und Verbesserung eines modularen Prozesses, der die Herstellung kostengünstiger machen soll“. Asif Din, Sustainability Director des weltweit tätigen Architektur- und Konstruktionsbüros Perkins & Will, ist ebenfalls davon überzeugt, dass dem Passivhaus-Konzept die Zukunft gehört: "Diesen Weg werden wir weitergehen. In Zukunft wird letztlich jedes Haus ein Passivhaus sein. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

Keine Frage: Jede Innovation benötigt – wie wir in der Vergangenheit gesehen haben – eine gewisse Anlaufzeit, um letztlich gesellschaftliche Entwicklungen auf Jahre hinaus prägen zu können. In der Immobilienbranche dürfte das Passivhauskonzept die vielversprechendste Innovation sein und zukünftig einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die globalen CO2-Emissionen zu verringern.