Wir verwenden Cookies, um diese Webseite bestmöglich an Ihre Bedürfnisse anzupassen sowie unsere Serviceleistungen zu verbessern. Die weitere Nutzung der Webseite wird als Zustimmung zu unseren Regelungen über Cookies verstanden.

Augsburg als Wiege der Innovation

Die doppelte Buchführung, die Rotationsmaschine und der Dieselmotor: Das sind nur einige der Neuerungen, die in Augsburg erfunden oder erstmals in Deutschland angewandt worden sind. Auch heute noch bietet Augsburg beste Voraussetzungen für innovative Unternehmen.

Viele disruptive Innovationen stammen aus Augsburg 

Manchmal ist die Geschichte ungerecht. Seit bekannt geworden ist, dass deutsche Automobilkonzerne die Abgasmessung manipuliert haben, steht der Dieselmotor in einem denkbar schlechten Ruf. Dabei galt diese besondere Form des Verbrennungsmotors, die der Ingenieur Rudolf Diesel Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, einst als Musterbeispiel für technischen Fortschritt. Über Jahrzehnte bewies er seine Leistungsfähigkeit, und nicht wenige Experten sind auch heute noch der Ansicht, dass er umweltfreundlicher ist als sein Ruf.

Konstruiert worden ist der innovative Motor nicht in einer der internationalen Metropolen, sondern im vergleichsweise beschaulichen Augsburg. Rudolf Diesel, als Sohn einer aus Augsburg stammenden Familie in Paris geboren, profitierte dabei von der Zusammenarbeit mit der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (M.A.N) und ihrem Direktor Heinrich von Buz. Unter dessen Ägide entstand in der Stadt am Lech nicht nur der Dieselmotor, sondern auch die erste deutsche Rotationsmaschine für den Zeitungsdruck und die erste Linde´sche Kältemaschine.

Doch nicht nur im späten 19. Jahrhundert galt Augsburg als Industriemetropole und Wiege der Innovation. Vielmehr gingen von der Stadt, die mit heute rund 300.000 Einwohnern im internationalen Maßstab relativ klein ist, über Jahrhunderte hinweg immer wieder bahnbrechende Impulse im technischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Bereich aus.

Fugger: Die Entdeckung der Wertschöpfungskette

Eine zentrale Rolle spielten dabei die berühmteste Augsburger Familie, die Fugger, und ihr führender Vertreter Jakob Fugger (1459-1525). Seinen Beinamen „der Reiche“ trug er mit Fug und Recht, galt er doch als reichster Mann seiner Zeit. Diesen Wohlstand und auch seinen weitreichenden politischen Einfluss verdankte Jakob Fugger in erster Linie seinem Innovationsgeist. So führte er beispielsweise die doppelte Buchhaltung in Deutschland ein, die er bei seinem Aufenthalt in Venedig kennengelernt hatte, und schuf damit die Voraussetzung dafür, jederzeit den wirtschaftlichen Erfolg seiner einzelnen Geschäftszweige zu kontrollieren.

Lernen können heutige Unternehmen aus der Vergangenheit , dass man permanent neue Wege beschreiten muss, um nicht vom Markt zu verdrängt zu werden.

Herausragend war Fuggers Talent, die wachsenden finanziellen Möglichkeiten zum Ausbau seiner industriellen Macht zu nutzen. Ein Beispiel dafür: Als er Herzog Sigmund von Tirol einen großzügigen Kredit gewährte, verzichtete er auf eine Rückzahlung des Darlehens und ließ sich stattdessen durch Schürfrechte und Anteile an Bergwerken bezahlen. Dadurch spielte die Familie Fugger bald nicht mehr nur im Fernhandel und im Bankwesen, sondern auch im Bergbau und in der Metallverarbeitung eine zentrale Rolle. Diese Ressourcen nutzte sie auf ausgesprochen innovative Weise, wie der Historiker Guido Komatsu festhält: „Da die Fugger das von ihnen produzierte Metall selbst weiterverarbeiteten und vertrieben, also die gesamte Wertschöpfungskette abdeckten, waren ihre Gewinne immens.“

Von der Entwicklung des Dieselmotors über die doppelte Buchführung bis zu Kattundruck im industriellen Maßstab war die kleine Stadt Augsburg im Laufe der Jahrhunderte eine Quelle der Innovation.

Kaum weniger erfolgreich war die ebenfalls in Augsburg ansässige Familie Welser. Sie beteiligte sich 1505/06 an einer portugiesischen Indien-Expedition, die ihr durch den lukrativen Gewürzhandel einen großen finanziellen Ertrag brachte. Diesen nutzten die Welser, um, ähnlich wie die konkurrierenden Fugger, in großem Stil ins Bankgeschäft einzusteigen. Konsequent setzten sie dabei auf das, was wir heute Globalisierung nennen: Die Welser engagierten sich nicht nur an zahlreichen europäischen Handelszentren und beim Zuckerrohrhandel aus Madeira, sondern ließen sich 1528 auch die Statthalterschaft der spanischen Krone in Venezuela übertragen.

Von Kanälen und Kattundruckereien

Mut, Tatendrang und internationale Ausrichtung prägten gut zweihundert Jahre später auch das Handeln von Johann Heinrich Schüle (1720-1811). Gestartet als kaufmännischer Lehrling, wurde Schüle zu einem führenden Vertreter der aufblühenden Augsburger Textilindustrie. Seine Spezialität war der Kattundruck, also die aus Indien stammende Technik, Baumwollgewebe zu bedrucken. Schüle führte in Deutschland den Kupferplattendruck ein, der eine wesentlich feinere Zeichnung als der herkömmliche Einsatz von Holzmodeln erlaubte, und wurde so zum europäischen Marktführer im Kattunbereich.

Dass Augsburg bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Zentrum der europäischen Textilindustrie war, hängt mit einer weiteren Innovation zusammen: Die Stadt entwickelte seit dem Mittelalter ein Wassermanagement-System, das seinesgleichen sucht und im Juli 2019 zum Unesco-Welterbe ernannt wurde. Typisch für Augsburg ist das ausgeklügelte Kanalsystem, das die Stadt durchzog und die Textilmanufakturen mit Energie versorgte. Doch auch bei der Trinkwasserversorgung beschritten die Stadtväter neue Wege: Bereits 1416 ließen sie am Roten Tor einen Wasserturm erbauen, der bis ins 19. Jahrhundert hinein seinen Dienst tat.

Dass Augsburg auch in sozialer Hinsicht wegweisend war, beweist die berühmte Fuggerei. Jakob Fugger ließ diese Reihenhaussiedlung, die bis heute Touristen aus aller Welt anzieht, zwischen 1514 und 1523 für verarmte Bürger errichten. Das war, wie man heute sagen würde, ein Akt der Corporate Social Responsibility und diente damit – auch darin war Fugger verblüffend modern – nicht nur dem sozialen Ausgleich, sondern auch der eigenen Imagepflege und somit dem Unternehmenserfolg.

Von Augsburg in die weite Welt

Man könnte noch mehr Beispiele anführen, die zeigen, dass Augsburg über Jahrhunderte hinweg ein guter Nährboden für Innovationen war. Insofern ist es nicht ohne Grund, dass ein Unternehmen wie die PATRIZIA AG, das sich ständig weiterentwickelt und zu einem führenden Player auf dem europäischen Immobilienmarkt geworden ist, seinen Hauptsitz nicht in Frankfurt am Main, Berlin oder London, sondern in der kleinen Großstadt am Lech hat. Der Augsburger Innovationsgeist lebt eben weiter.

Lernen können heutige Unternehmen aus der Vergangenheit übrigens auch, dass man permanent neue Wege beschreiten muss, um nicht vom Markt verdrängt zu werden. Denn längst nicht allen Augsburger Innovationen war ein so langes Dasein beschieden wie dem Kanalsystem, der Fuggerei oder auch der Firma MAN, die heute zum VW-Konzern gehört. Die Schüle´sche Kattundruckerei zum Beispiel geriet Ende des 18. Jahrhunderts in wirtschaftliche Schieflage. Noch schlimmer erwischte es die Welser: 1546 wurden ihre beiden Vertreter in Venezuela von aufständischen Kolonisten ermordet – und 1614 musste ihre einst so erfolgreiche Handelsgesellschaft Konkurs anmelden.

Double-entry bookkeeping, the rotary printing press, the diesel engine – just some of the novelties that were invented in Augsburg or first introduced to Germany there.

Christian Hunzicker, schreibt der studierte Historiker und Germanist mit Wohnsitz in Berlin hauptsächlich über immobilienwirtschaftliche Themen – unter anderem für die WELT, die F.A.Z. und diverse Fachzeitschriften.