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Unabhängigkeit ist nicht das Thema

Im Herbst 2016 wurde das PATRIZIA KinderHaus in Yaoundé, Kamerun, eröffnet. estatements hat mit Bruder Bert von der katholischen Gemeinschaft der Pallottiner über das KinderHaus und eine Schreinerei gesprochen, die der Geistliche im Ort aufgebaut hat.

Bruder Bert, sind Sie stolz auf die Jungs aus „Ihrer“ Schreinerei?

Ich freue mich für sie! Die Schreinerei läuft sehr gut und ich hoffe, dass es so bleibt. Nichts motiviert mehr als eine gute Auftragslage. Die Belieferung der Schule ist der bislang größte Auftrag für die Schreinerei gewesen. Zweihundert Bänke wurden bereits ausgeliefert, zweihundert weitere kommen in den nächsten drei Jahren hinzu.

Wie ist der Betrieb aufgestellt?

Es arbeiten dort immer fünf bis sechs ausgebildete Schreiner und in etwa noch mal so viele Lehrlinge. Die Menge der Lehrlinge variiert allerdings, was auch ein bisschen daran liegt, dass sie nicht immer durchhalten. Viele brechen vorzeitig ab, tauchen irgendwann nicht mehr auf. Man muss sie gut an die Hand nehmen, damit sie eine komplette Lehrzeit durchstehen.

Es geht also im weiteren Sinne um Lebensbegleitung, nicht nur Berufsausbildung? 

Ja, denn wir glauben, dass Kinder Vorbilder brauchen. Menschen, an denen sie sich orientieren können, die ihnen etwas vorleben, das erstrebenswert erscheint. Die Pallottiner vor Ort, sei es als Ausbilder oder als Lehrer an der von uns errichteten Schule, übernehmen diese Rolle. 

Inwieweit fördert man die Unabhängigkeit der Menschen mit Bildungsangeboten?

Grundsätzlich ist Bildung der Schlüssel zu einem Leben, das besser gelingt, als wenn es ohne gemeistert werden müsste. Ob das auch direkt zu so etwas wie „Unabhängigkeit“ führt, weiß ich nicht. Man muss verstehen, dass es in Kamerun zunächst um andere Dinge geht. Dinge wie Geldverdienen, um das eigene Dach über dem Kopf zu erhalten. Existenzielle Dinge. Der Ehrgeiz, darüber hinaus – so wie wir es in unserer europäischen Denkweise verinnerlicht haben – erfolgreich und möglichst unabhängig von allem zu sein oder zu werden, ist bei den Kamerunern nicht wirklich ausgeprägt.  

 

Schülerin bei einer Schreibaufgabe im Klassenraum

Ist unabhängig leben also eher ein europäisches „Ding“?

In Afrika wird darüber schlicht nicht so viel nachgedacht. Bei uns ist es fast schon ein Trend: Unabhängigkeit, Individualismus, Selbstbezogenheit, all das. Ich finde das fragwürdig, denn zu viel Egoismus – und das steckt meinem Empfinden nach in diesem Trend – verhindert Gemeinschaft und Beziehungen zwischen Menschen. Wer zu sehr mit sich beschäftigt ist, besteht nur auf die eigene Denke, wird kompromisslos. Wir Pallottiner glauben, dass Gott ein sich stets selbst reflektierender Gott ist, der das Du, also den Menschen braucht, um in den Dialog einzutreten, ein Gegenüber zu haben. Und das widerspricht meines Erachtens schon der „Unabhängigkeit“.

Was erreicht man dann Ihrer Meinung nach mit Bildung in Kamerun?

Dadurch soll die untere Mittelschicht des Landes gestärkt, also, wenn man so will, unabhängiger gemacht werden. Dadurch erhoffen wir uns mittel- bis langfristig auch politische und soziale Veränderungen. Aber das sind ideelle Ziele, die noch längst nicht in greifbarer Nähe sind. Dennoch gibt es kleine Lichtblicke, die bestätigen, dass in Kamerun kleine Veränderungen passieren: Seit Kurzem sind beispielsweise die Steuerbehörden computerisiert. Für unsere europäischen Ohren hört sich das lächerlich an. Für Kamerun bedeutet das jedoch, dass Vorgänge nun erstmals zentral erfasst werden können, nicht nur als Handakte auf einem Stapel liegen. Das schafft mehr Transparenz und gleichzeitig weniger Spielraum. Es tut sich was, eindeutig. Und eine gute Bildung kann sicherlich ihren Teil zu dieser Entwicklung beitragen.

Was ist für Sie das Wichtigste, das Sie den Menschen in den Ländern, in denen Sie karitativ tätig sind, mitgeben können?

Nicht unbedingt Unabhängigkeit. Viel eher, dass diese Menschen gut leben können. Nicht materiell, sondern im Sinne einer Zufriedenheit. Religiös ausgedrückt: Gott möchte, dass jeder Mensch lebt und seinen Weg gehen kann. Dabei helfen wir und beziehen das immer eher auf konkrete Personen als auf die gesamte Gesellschaft. Aber selbstverständlich haben wir immer auch die Hoffnung, etwas im großen Ganzen verändern zu können.

Wovon sollte man sich Ihrer Meinung nach unbedingt unabhängig machen?

Wir bleiben immer Menschen unserer Kultur, der Kultur, die uns geprägt hat, in der wir aufgewachsen sind. Ganz egal, ob in Deutschland oder Kamerun. Ein Deutscher denkt deutsch, ein Kameruner kamerunisch, das ist auch gut so. Wichtig ist für mich jedoch – und das kommt gerade in der Missionsarbeit besonders zum Tragen – die Fähigkeit des Umdenkens, das Sich-selbst-von-außen-Betrachten. Und, um bei dem Wort zu bleiben, unabhängig von den eigenen kulturellen Prägungen die Geduld zu haben, auch dem anderen zuzuhören, nicht über ihn hinwegzuhandeln. Schließlich steht man nicht über dem anderen. Viele, insbesondere wir Europäer, agieren aber so. Wir müssen wieder lernen, uns unabhängig von unserer kulturellen Vorprägung zu machen und auf Augenhöhe zu agieren.

Unabhängigkeit bedeutet für mich…

In vielerlei Hinsicht halte ich Unabhängigkeit für eine Illusion. Geprägt durch Medien, Werbung undsoweiter. Und wenn Unabhängigkeit – wie es sich oft darstellt – zuungunsten von Kompromissfähigkeit und  Gemeinschaft geht, halte ich das Streben danach für fragwürdig.