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Über die Altersgrenze zum Erfahrungsraum

„Anna, jetzt geht es wirklich ab ins Bett - ich bin müde.“ „Mama, Du bist nicht müde, Du bist alt!“ Abendlicher Dialog zwischen Autorin (43) und Tochter (5).

Alter scheint eine Frage der Perspektive zu sein und wirft die Frage auf, wann genau das Altern wirklich beginnt? Relativiert sich das Alter vielleicht, wenn die Lebenserwartung steigt? Alt werden doch immer nur die anderen, oder?Alter scheint tatsächlich relativ - das kognitive Altern beginnt im Schnitt bereits mit 27 Jahren laut Untersuchungen von Psychologen der University of Virginia. Mit dem Gedächtnisabbau gehe es dann allerdings erst ab einem Alter von 37 Jahren los, und viele kognitive Fähigkeiten, die mit Lernen zu tun haben, beispielsweise bei der Vergrößerung des Wortschatzes oder beim Allgemeinwissen, verbessern sich bis zum Alter von 60 Jahren. Nach einem Schlaganfall kann das Gehirn selbst in hohem Alter neue Areale aktivieren, um verlorengegangene Kapazitäten einer anderen Region auszugleichen. Erst ab einem Alter von 75 Jahren häufen sich körperliche wie auch kognitive Einschränkungen statistisch gesehen - mit 80 geht diese Kurve dann immer steiler nach oben. Glauben wir den Statistikern, hat jedes zweite Baby, das heute geboren wird, gute Chancen, über hundert Jahre alt zu werden. Dank des medizinischen Fortschritts und gesünderer Ernährung verlängert sich die vitale Lebensspanne in entwickelten Ländern stetig - Alte werden zur globalen Normalität. Als Konsequenz wird sich früher oder später jeder ganz persönlich der Frage stellen müssen, wie das Leben im Alter aussehen soll – schließlich will jeder alt werden.

Alter als Selbstkonstruktion. Keiner aber will alt sein. Das Bild vom Alter ist hierzulande zumeist negativ besetzt. Neben Falten und körperlichem und geistigem Verfall verbinden wir mit dem Alter häufig Schlagworte wie Altersarmut, Einsamkeit oder Demenz. Die Gesellschaft werde nicht älter, das Alter verschiebe sich nur, Alter sei letztlich eine Selbstkonstruktion. „Die eigene Identität mache sich nicht unbedingt an Lebensjahren fest“, erklärt der Psychiater Professor Micheal Lehofer. Er fordert eine Rückbesinnung von der Wissens- zurück zu einer Weisheitskultur im Hinblick auf die Wertschätzung von Erfahrungswissen. Durch die wachsende Zahl an älteren Menschen ergebe sich gar die Chance auf eine nie dagewesene Vitalität, behauptet Harry Gatterer. Er ist Co-Autor vom Szenariobuch „Pro-Aging – die Alten machen uns Jung“, das vom Zukunftsinstitut herausgegeben wurde. 

Lebensstil statt Lebensalter

Wir werden nicht nur älter, sondern altern auch anders – erst einmal werden wir sogar jünger. 50-jährige von heute ähneln in ihren soziokulturellen Verhaltensmustern eher 40-jährigen. Das Heraustreten aus traditionellen Altersrollen beschreiben Experten als Downaging. Statt sich als Senioren in den Ruhestand zu begeben, nehmen immer mehr ältere Menschen in Form von Ehrenamt, Erwerbsleben oder einem Universitätsstudium am Gesellschaftsleben teil oder bringen sich aktiv ein – ob freiwillig oder gezwungener Maßen. 

Die Grenzen des Alters verschieben sich, Stereotypen weichen auf: Statt um Lebensalter geht es vielmehr Lebensstil im Hinblick auf (Erfahrungs-)Werte, Einstellungen und Trends. Alterung werde oft missverstanden als „Vergreisung“ der Gesellschaft. Darin liege ein Denkfehler, meint Zukunftsforscher Matthias Horx. Erst die erweiterte Lebensspanne mache echte Individualisierung erst möglich: „Wenn man mit 50 noch einmal einen Neuanfang wagen kann, entwickelt das Leben ganz andere Perspektiven“, unterstreicht der Berater.

Selbstbestimmt aus der Komfortzone

Die neuen Alten wissen, was sie wollen, sind vitaler als je zuvor, haben durchschnittlich mehr Geld als die Jungen. Eine ganze Industrie widmet sich den Bedürfnissen der wachsenden Zielgruppe. Schwellenlos gelangt man ins Komfortbad, das Seniorenhandy lässt keine Fragen offen – Technik und Design sollen Einschränkungen des Alters ausgleichen.

Dennoch zeigen Studien, dass wer gut alt werden will, aus der Komfortzone heraustreten und sich aktiv einbringen muss. Teilhabe schlägt also Barrierefreiheit? Statt auf Defizite setzen Pflegeheime auf die Ressourcen und Kompetenzen der Bewohner und binden sie so weit es geht, in ihnen vertraute und gewohnte Tätigkeiten des Alltags wie Bügeln, Kartoffeln schälen oder Gärtnern ein. Dieser Mix aus körperlicher Bewegung, geistiger Beweglichkeit und sozialen Bindungen unterstützt Kontinuität und das Gefühl von Normalität, selbst wenn die Kapazitäten nachlassen. 

Für ein vitales Altern propagierte auch einer der Pioniere der Altersforschung aus Österreich, Prof. Dr. Leopold Rosenmayr, die drei großen „L“: Laufen, Lernen und Lieben. Die Frage aber, wie es sich im hohen Alter gut leben lässt, wenn Langsamkeit und Vergessen sowie Schmerzen und Trauer das eigene Leben bestimmen, bleibt für den Einzelnen offen. Die Notwendigkeit zur Entschleunigung wird eine ganz neue gesellschaftliche Dimension bekommen. Vielleicht werden hier die Hochaltrigen zu Vorreitern für die Jungen und zu ihren Achtsamkeitstrainern.  

Erfahrung als Mehrwert

Wie genau sich Alter anfühlt, bleibt für junge Menschen letztlich nur zu erahnen. Um altersbedingte Veränderungen am eigenen Körper erfahrbaren zu können, können Produktentwickler, Auto-Designer und Architekten in einen dafür entwickelten Ganzkörperanzug – den sogenannten Age-Explorer steigen: Ein gelbliches Visier simuliert Seheinschränkungen, Gewichte an den Gelenken die Versteifungen am Bewegungsapparat. Bei der Produktentwicklung könnten alte Menschen ihre Erfahrungen mit gesellschaftlichem und wirtschaftlichen Mehrwert konstruktiv einbringen und selbst zu „Zukunftsforschern“ werden. Intuitiv erfassbare, atmosphärisch ansprechende und sinnlich erfahrbare Produkte und Räume sind gefragt und für alle Lebensphasen marktfähig. Statt das Alter als eine schmale Grenze zwischen dem Leben und der Endlichkeit zu begreifen, die eng macht und einschränkt - erscheint die Vorstellung vom Alter als einem offenen Haus mit vielen ganz unterschiedlich gestalteten Erfahrungsräumen vielversprechender. Sie gilt es, auf ganz persönliche Weise sowie auf gesellschaftlicher Ebene im Sinne eines kontinuierlichen Prozesses zu erkunden – statt mit Angst oder Abwehr eher getrieben von einer schier unerschöpflichen Faszination und Neugierde vergleichbar der des Menschen für das Weltall oder die Tiefsee.