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One World Trade Center: Super-Wolkenkratzer und Ort stiller Einkehr

Selbst in einer Stadt mit mehr als 750 Wolkenkratzern wie New York City gibt es Gebäude, die unvergleichlich sind: zum Beispiel das neue One World Trade Center, 1WTC gehört zur Kategorie der sogenannten „Super-Wolkenkratzer“. Nur acht davon gibt es in New York City. Sie alle sind nach Angaben des Immobiliendaten-anbieters Emporis über 304 Meter hoch. Mit 541 Metern ist dabei das One World Trade Center das höchste Gebäude der westlichen Hemisphäre. Umgerechnet beträgt diese symbolische Höhe 1.776 Fuß, eine Referenz an das Jahr der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten.

Im November 2018 feiert das 1WTC sein vierjähriges Jubiläum. Längst prägt der Wolkenkratzer die Skyline New York Citys mit seiner einzigartigen Spitze: acht gleichschenkelige Dreiecke, die im Zentrum ein perfektes Oktogon formen. Gekrönt wird der Turm von einer viereckigen 124 Meter hohen Glasbrüstung. Das Licht bricht sich in seiner kristallinen Form wie in einem Kaleidoskop und schafft einen dynamischen Effekt, der sich im Laufe des Tages verändert.

Seit jeher gilt New York City als chaotische Acht-Millionen-Metropole, in der die Menschen permanent im Hurry-up-Modus durch die Straßen hetzen. Umso bemerkenswerter ist, dass das 1WTC für die New Yorker längst auch zu einem Ort der Zuflucht und Erholung geworden ist. Tatsächlich gibt es in New York City keinen anderen Weg, der Hektik dieser Millionenmetropole zu entfliehen, als einen Wolkenkratzer zu besteigen und von dort oben aus in aller Ruhe auf die Stadt hinunterzuschauen. Das One World Trade Center ist nur einervon drei Wolkenkratzern in New York mit einer öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform. Die anderen beiden sind 30 Rockefeller Plaza und das Empire State Building, beide in Midtown Manhattan.

Das One World Trade Center unterscheidet sich bereits durch seinen Standort vom berühmten Betondschungel in Midtown, wo die meisten Wolkenkratzer von Manhatten konzentriert sind. Hier unten im Süden der Stadt sind die Straßen breiter, weniger überfüllt und die Anzahl hoher Gebäude überschaubar. In dieser Gegend Manhattens gibt es deutlich mehr Möglichkeiten zum Ausruhen, Runterkommen und sich der Hektik dieser Stadt zu entziehen.

Dieses Gefühl der Abgeschiedenheit wird noch verstärkt durch die beiden Flüsse, die an der Südspitze der Insel zusammenfinden – der East River im Osten und der Hudson River im Westen. Für die Besucher der Aussichtsplattform auf der 100. bis 102. Etage des One World Trade Center strahlen die Strömungen der beiden Flüsse eine wohltuende, beruhigende Faszination aus. Tatsächlich genießt man das Panorama von Manhattan, Brooklyn und New Jersey sowie die City-Livebilder des Sky Portals von dort oben in Ruhe und ohne den üblichen tosenden Lärm der Stadt.

Beim Blick hinunter kann man die Gedenkstätte der Terroranschläge vom 9. September 2001, die über 2.600 Menschen das Leben kosteten, nicht übersehen. Die Standorte der beiden ehemaligen Zwillingstürme sind wie monumentale Fußabdrücke deutlich sichtbar. Für diejenigen, die an diesem schrecklichen Tag in New York City waren oder einen Menschen durch die Anschläge verloren haben, wird ein Besuch des neuen One World Trade Center immer besonders ergreifend bleiben. Ich selbst gehöre der ersten Gruppe an und ein Besuch hier oben bringt auch bei mir jedes Mal die persönlichen Bilder von damals wieder in Erinnerung: zwei brennende Türme vor einem beinahe unheimlich blauen Himmel, das schreckliche Grollen des Bodens in Tribeca,
als der Südturm einstürzte, überall dröhnende Sirenen und weinende Menschen, der Anblick des gewaltigen Trümmerhaufens, der wochenlang weiter­rauchte, die Flugblätter der Vermisstensuche, die noch monatelang in der Stadt überall aufzufinden waren.

Keine Frage: Das One World Trade Center würdigt auf verschiedenste Weise das ursprüngliche World Trade Center. Schon seine Größe orientiert sich an derjenigen der Twin Towers. Die Höhe der Aussichtsplattform entspricht der des ehemaligen Nordturms. Nur von hier oben kann man die beiden Fußabdrücke der Twin Tower in voller Größe (jeweils ein Hektar) sehen und die Tragweite des Verlustes vollständig erfassen.

Trotzdem sollte sich jeder Besucher die Gedenkstätte namens Reflecting Absence (reflektierende Abwesenheit) auch aus der Nähe anschauen.Besonders die Wasserspiele sind beeindruckend. Der Besucher findet sich auf einmal vor zwei riesigen Wasserfällen und reflektierenden Becken wieder, die auf dem Boden der beiden Fußabdrücke installiert sind. Daneben stehen über 400 Sumpf­eichen und der einzige Callery-Birnbaum, der die Terrorangriffe damals überlebte und als „Survivor Tree“ bekannt wurde. Diese botanische Anlage umgibt die reflektierenden Pools und bildet einen natürlichen Puffer zur Außenwelt. Dazu die beiden Designer der Stätte, Michael Arad und Peter Walker: „Wenn man in die Gedenkstätte hinab­steigt, werden die Besucher in eine andere Welt geführt, erleben zunächst Stille und eine kühle Dunkelheit. Ein paar Schritte weiter taucht das Geräusch von tosendem Wasser auf und wird immer stärker. Zugleich dringt von unten zunehmend Tageslicht ein.“ 

Tatsächlich lädt die Gedenkstätte die Besucher dazu ein, innezuhalten und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Entlang der Bassins sind in einer Brüstung aus Bronze die Namen aller 9/11-Opfer eingraviert. Einige sind mit einer Blume oder einer kleinen amerikanischen Flagge verziert und sollen daran erinnern, dass zahlreiche Körper von Opfern nie gefunden wurden.Deshalb ist diese Stätte für viele Freunde und Verwandte der einzige Ort der Erinnerung. Und trotzdem: Auf gewisse Weise ist das One World Trade Center ein Symbol dafür, dass aus Vergangenem und scheinbar für immer Verlorenem etwas Neues, Hoffnungsvolles entstehen kann.

Der neue 1WTC-Wolkenkratzer und seine Vorgängertürme sind für immer untrennbar miteinander verbunden. Der eindrucksvolle Komplex in Lower Manhatten repräsentiert zugleich Schmerz und Widerstand, Zerstörung und Wiedergeburt, Verzweiflung und Hoffnung. Er ist integraler Bestandteil eines Ganzen und lässt erahnen, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf gewisse Weise ein und dasselbe sind.

EVELYN LEE wurde in New York City geboren und wuchs in New Jersey auf. Aus ihrer Kindheit hat sie zahlreiche persönliche Erinnerungen an die beiden Zwillingstürme des World Trade Center, das unter anderem auch ihrer Mutter als Pendler-Drehscheibe diente. Evelyn begleitete ihre Mutter in den Sommer­ferien häufig dorthin zur Arbeit. Evelyn Lee ist Nachrichtenredakteurin des PERE Magazins, einer der weltweit führenden Publikationen der Private Equity Immobilienbranche.